Donnerstag, 21. Januar 2016

Rezension: Abbitte (Ian McEwan)

Diogenes Verlag
Taschenbuch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-257-23380-3
13,00 €

Ein kurzer Einblick

England im Sommer 1935: An einem sehr schwülen Tag beobachtet die dreizehnjährige Briony Tallis im Garten des Landhauses ihrer Familie eine seltsame Szene zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und Robbie Turner, dessen Mutter für die Familie arbeitet. Als sie später einen Brief von Robbie an Cecilia überbringen soll, den sie heimlich öffnet, und bald danach die beiden in der Bibliothek beobachtet, geht mit ihr die Phantasie durch. Als am Abend ein Verbrechen auf dem Grundstück der Familie geschieht, schiebt sie dieses Robbie in die Schuhe, wodurch sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch Robbies und Cecilias Leben für immer verändert…

Bewertung

Ich habe vor einigen Jahren bereits die Verfilmung zu diesem Buch gesehen, die mir sehr gut gefallen hatte, so dass ich auch irgendwann einmal die Buchvorlage lesen wollte, wozu ich nun endlich gekommen bin. Und ich kann berichten, sie ist noch besser als der bereits sehr gute Film. Aber fangen wir einmal der Reihe nach an: Der Roman ist in vier Teile unterteilt. Der erste umfasst ziemlich genau die Hälfte des ganzen Buches und erzählt von den wenigen Tagen im Sommer 1935, die sich so prägend auf das Leben der drei auswirken sollen. Zum zweiten Teil wird ein größerer Sprung gemacht, er spielt im Spätfrühling 1940 in Frankreich, wo Robbie an den Kämpfen gegen Nazideutschland teilnimmt. Der dritte Teil spielt sich zur gleichen Zeit in London ab und wird aus der Sicht von Briony erzählt, die sich als Krankenschwester ausbilden lässt und ihre Tat vor fünf Jahren wiedergutzumachen versucht. Im kurzen vierten Teil begleiten wir Briony an ihrem 77. Geburtstag im Jahre 1999 und erfahren schließlich, was aus all den Charakteren geworden ist.
Wie ich ja bereits oben sagte, hat mir das Buch wirklich gut gefallen. Sein einziges kleines Manko sind ein paar Längen, die der Text hin und wieder hat, vor allem im zweiten Teil, wo die Kriegshandlungen ein wenig zu ausführlich geschildert werden. Ansonsten hat mir aber eigentlich alles an diesem Roman wirklich zugesagt. Insbesondere die Psyche seiner Hauptfiguren hat der Autor herausragend und sehr tiefgehend herausgearbeitet. Sie wirken wie echte Menschen mit Stärken und Schwächen und man kann sich sehr gut in sie hineinversetzen. Ich fand es ein wenig schade, dass zur Erklärung für Brionys Tat auch das so klischeehafte Thema Eifersucht eine Rolle spielte. Dies hätte der Autor gar nicht gebraucht, denn auch so ist ihre Tat verständlich. Man ist natürlich fassungslos darüber, kann aber nachvollziehen, wie man (als beinahe noch ein Kind) die Situation, wie sie sich ihr darstellte, so interpretieren kann und dass sie dann ihre Schwester vermeintlich schützen wollte. Zudem gelingt McEwan eine rührende und sehr fesselnde Liebesgeschichte zwischen Cecilia und Robbie, mit denen man als Leser die gesamte Zeit mitfiebert und für die man sich wirklich ein Happy End wünscht. Für mich war natürlich bei der Handlung die Spannung ein wenig raus, da ich das Ende durch den Film bereits kannte, doch ich denke, generell ist der Roman sehr spannend verfasst, auch für mich entwickelte sich besonders der erste und der dritte Teil zu einem echten Pageturner.
Als interessante Beigabe bietet das Buch neben der fesselnden Handlung noch einen Einblick in die Gesellschaft Englands zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, welche Auswirkungen dieser auf die Zivilbevölkerung und auch die Soldaten hatte, und zudem werden immer wieder literaturtheoretische Fragen im Buch erörtert, das als Buch im Buch fungiert, während Briony versucht, zumindest literarisch Abbitte für ihre Tat zu leisten.

Fazit

Das zweite Buch, das ich von McEwan gelesen habe, begeistert und berührt auf ganzer Linie. Die Themen Schuld, Reue, Vergebung, Phantasie machen den Roman zusammen mit seiner rührenden Liebesgeschichte und den psychologisch so tiefgehend gezeichneten Figuren vor dem Hintergrund des beginnenden Zweiten Weltkriegs zu einem wahren Leseerlebnis! Eins der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe!

4,5 von 5 Punkten

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