Sonntag, 13. Dezember 2015

Rezension: Am Strand (Ian McEwan)

Diogenes Verlag
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-257-23788-7
10,00 €

Ein kurzer Einblick

England im Jahre 1962: Edward und Florence kennen sich etwa ein Jahr und sind gerade frisch verheiratet. Ihre Flitterwochen verbringen sie in einem Hotel am Strand. Während die meisten Paare mit freudigen Erwartungen an ihre Hochzeitsnacht denken, können beide beim Abendessen nicht verbergen, wie nervös sie diesem Ereignis entgegensehen. Begierde und Anziehung paaren sich mit Befangenheit und Angst an diesem Abend, in einer Zeit, in der man selten offen über Sex redet, so dass diese Nacht das Leben der beiden Liebenden für immer verändert wird, sie so voneinander entfernt, wie sie sich das niemals vorstellen konnten…

Bewertung

Ich kam nun endlich einmal dazu, ein Werk von Ian McEwan zu lesen, von dem ich bereits viel Positives gehört hatte und bisher nur die Verfilmung seines Buches „Abbitte“ kannte. Diese Entscheidung hat sich wirklich sehr gelohnt. Er nimmt den Leser hier mit in das prüde England der 1960er Jahre und schildert sehr detailliert und intensiv die Hochzeitsnacht von Edward und Florence und wie diese ihr Leben für immer verändert. Das Buch ist dabei in fünf Teile gegliedert, die Geschehnisse der einen schicksalsträchtigen Nacht werden immer wieder durch die Vorgeschichte der beiden, ihrem Kennen lernen bis zur Hochzeit unterbrochen. McEwan zeigt auf den knapp 200 Seiten eindrucksvoll die Kommunikationsprobleme in dieser jungen Ehe auf, was insbesondere durch die wechselnde Schilderung, mal aus der Sicht von Florence, mal aus der von Edward, gelingt, die verdeutlicht, wie beide die gesamte Situation einschätzen, aber auch wie falsch sie Äußerungen und Handlungen des jeweils anderen deuten, so dass diese Hochzeitsnacht eigentlich nur in einer Katastrophe enden kann. Verstärkt wird dies durch ihre Unfähigkeit, über Sex zu sprechen, dem Edward ungeduldig entgegenfiebert, obwohl ihn auch Versagensängste plagen, und dem Florence mit Ekel entgegensieht, was auf Erlebnisse aus ihrer Kindheit zurückzuführen ist, die McEwan kurz andeutet, was mir jedoch zu sehr ins Klischeehafte abdriftete, ohne zu viel verraten zu wollen. Insgesamt zeigt der Autor aber eindrucksvoll, wie ein Ereignis, einmal nicht den Mund aufmachen oder einmal nicht handeln unser Leben für immer verändern kann.
Zudem gelingt es ihm, den Roman, der im Grunde genommen nur eine Nacht schildert, in der nicht viel passiert, extrem spannend zu gestalten, was vor allem auch an den sympathischen Hauptfiguren liegt, denen man als Leser sehr nah kommt. Man bekommt eindrucksvolle Einblicke in ihre Psyche, fühlt mit ihnen die gesamte Zeit mit und hofft mit ihnen, dass sie vielleicht doch noch die Kurve kriegen und ihre Hochzeitsnacht irgendwie doch noch ein gutes Ende nehmen wird, dass einer von beiden oder sogar beide sich trauen, den Mund aufzumachen, und beide aus dieser verkrampften Starre ausbrechen können. Daher sitzt man gebannt vor dem Buch und kann es einfach nicht aus der Hand legen, bis man beim traurigen Ende angelangt ist.

Fazit

Dies war bestimmt nicht das letzte Buch von Ian McEwan, das ich gelesen habe. „Am Strand“ bietet spannende Unterhaltung, gepaart mit sympathischen Hauptfiguren und einer rührenden und tragischen Liebesgeschichte, die auch lange nach der Lektüre noch nachklingt und die man so schnell nicht vergisst.

4,5 von 5 Punkten

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