Donnerstag, 12. November 2015

Legimus trifft... Robert Harris

Liebe Leserinnen und Leser,

wir haben euch ja bereits über das neue Buch „Dictator“ von Robert Harris informiert, das im Oktober auf Deutsch erschienen ist und das den dritten und letzten Band seiner Cicerobiografie darstellt. Anfang November stellte der Autor sein neues Werk auch bei ein paar Terminen in Deutschland vor und ich hatte das große Glück, bei seiner Lesung in der Hugendubelfiliale in Hannover dabei sein zu können.
Begleitet wurde Robert Harris dabei von dem deutschen Kulturjournalisten und Übersetzer Dr. David Eisermann, der nach einer kurzen Vorstellung der beiden durch eine Mitarbeiterin der Buchhandlung zunächst einige Fragen an Harris richtete, die er selbst noch für das Publikum auf Deutsch übersetzte. Beide kamen schnell auf die Hauptthematik des Buches zu sprechen, das die letzten 15 Jahre der Römischen Republik aus der Sicht von Cicero darstellt. Harris erzählte, wie er beinahe ebenso lang – 12 Jahre – an diesem Werk gearbeitet habe und kam zunächst auf das römische Amt „Dictator“ zu sprechen, das dem Buch seinen Namen gegeben hat. Dabei handle es sich um ein Wahlamt, das nur in Notzeiten vorkam, weitreichende Kompetenzen besaß und zeitlich begrenzt war. In der späten Römischen Republik war etwa Sulla zum Dictator bestimmt worden, anders als Caesar schließlich gab dieser sein Amt aber wieder ab. Caesar war somit der erste, der schließlich Dictator auf Lebenszeit wurde und somit auf eine Alleinherrschaft hinsteuerte, die dem römischen politischen System so derart fremd war. 

Danach kamen Eisermann und Harris auf das politische System Roms konkreter zu sprechen, auch was dieses mit unserem heute gemeinsam hatte. Harris betonte zunächst einige Unterschiede, wie das fehlende Wahlrecht für Frauen oder das am Reichtum der Wähler orientiertem Wahlrecht, um dann hervorzuheben, wie man durch die Beschäftigung mit dem politischen System Roms allgemeine Muster für Regime erkennen könne wie auch klassische politische Typen wie etwa Caesar als der charismatische Herrscher oder Crassus, der sich mit seinem Reichtum Macht kaufen wollte. Zudem habe sich das damalige politische Vokabular bis heute gehalten, viele unserer politischen Begriffe stammen aus der Antike. Auch Caesar widmete sich Harris noch einmal ausführlicher, der schließlich eine der wichtigsten Figuren im Buch darstellte. Insbesondere hob er dessen viele dunklen Aspekte hervor, die heutzutage oftmals vernachlässigt würden, so habe er etwa in Gallien die Bevölkerung regelrecht terrorisiert, man schätze, etwa ein Drittel der gallischen Bevölkerung sei durch seine Eroberungen umgekommen.
Schließlich kamen Harris und Eisermann auf die Hauptfigur des Romans, Cicero, zu sprechen. Harris stellte diesen als ziemlich einzigartig für seine Zeit dar, er habe keine militärische Karriere absolviert, stamme aus keiner aristokratischen Familie, sei nicht reich gewesen, habe sich aber nichtsdestotrotz durch sein Redetalent, seine Arbeit als Anwalt und sein Schreibtalent emporgearbeitet, bis er schließlich das höchste Amt, das des Konsuls, innehatte. Zudem sei er in vielen Punkten sehr modern gewesen, er konnte etwa im Gegensatz zu fast all seinen Zeitgenossen den blutigen Spielen nichts abgewinnen und habe einen großen Humor besessen, was ihn für Harris so interessant machte. Dieser kommt zu dem Ergebnis, Cicero sei ein großartiger Politiker gewesen, sein Problem sei bloß gewesen, zum Niedergang der Republik gelebt zu haben.
Daraufhin wurden zwei Textteilen vorgelesen, wobei Harris mit der englischen Ausgabe in einem sehr gut zu verstehenden britischen Englisch anfing, Eisermann zwischendurch auf Deutsch weiterlas, bis Harris noch einmal die zweite Textstelle auf Englisch vortrug. Der erste Auszug behandelte eine Szene aus dem Jahre 45 v. Chr., die tatsächlich statt gefunden hat. Darin kommt Caesar zu Cicero auf dessen Landsitz zu einem Festmahl zu Besuch, vermutlich sprachen beide vor Caesars Tod das letzte Mal miteinander. Der zweite Auszug setzte kurz vor Caesars Ermordung ein, als die Ämter für die Jahre, die Caesar im Osten bei seinem geplanten Partherfeldzug verbringen sollte, geplant wurden. Die Szene seiner Ermordung las Harris dabei so lebendig, dass man diese Senatssitzung vor seinem geistigen Auge wirklich auferstehen sah und das Publikum sehr ergriffen war.
Danach erläuterte Harris noch den Aufbau seines Buches, das zusammen mit den beiden Vorgängerbänden wie eine Cicerobiografie verfasst wurde, die es tatsächlich durch seinen Sklaven und späteren Freigelassenen Tiro gegeben hat, aus dessen Sicht die drei Bände geschrieben sind. Diese Biografie ist jedoch nicht überliefert. Zudem kam er auf die Fehler der Verschwörer gegen Caesar zu sprechen, die das Machtvakuum nicht gefüllt und Marcus Antonius nicht mit ermordet haben, was auch Cicero für einen großen Fehler hielt, denn dieser übernahm schließlich einen Teil der Macht Caesars. Das Attentat sei militärisch gut geplant gewesen, das Danach allerdings nicht, somit verpassten die Verschwörer die Chance, wieder die Macht in der Republik zu übernehmen und diese zu retten. Auch stellte Harris noch eine interessante Parallele zu heutigen Politikern auf, denen die Macht wie Caesar irgendwann zu Kopf steigt, wenn sie diese zu lange innehaben.
Damit endete die offizielle Lesung, doch das Publikum konnte noch einige Fragen an Robert Harris stellen. So wurde etwa in Anspielung an seine letzte Aussage nach seiner Meinung zu Angela Merkel gefragt, ob dieser ihre Macht ebenso langsam zu Kopf steige, was Harris vorsichtig und mit Einschränkungen bejahte. Ein anderer Zuhörer fragte nach dem Verhältnis von Recherche und Schreiben bei so einem Buch, was Harris etwa mit 50:50 angab. Außerdem kam er kurz auf eine anscheinend geplante Verfilmung seiner Bücher zu sprechen, woraufhin er nach seiner Meinung zu den bisherigen Verfilmungen seiner Werke gefragt wurde, die er unterschiedlich bewertete. Insbesondere „Vaterland“ habe ihm überhaupt nicht gefallen.
Am Ende konnte sich jeder noch seine Harris-Bücher vom Autor signieren lassen. Dabei nahm er sich wirklich für jeden einzelnen Zeit, signierte mit persönlichen Widmungen, unterhielt sich mit jedem kurz und überaus freundlich, bedankte sich zudem bei jedem fürs Kommen, so dass man nach diesem spannenden, informativen, aber auch lustigen Abend, den Harris durch seinen typisch britischen Humor enorm auflockerte, zufrieden nach Hause ging und sich wirklich freuen konnte, diesen sehr sympathischen und sehr fähigen Schriftsteller, der sich zudem auch als wirklich überzeugender Redner entpuppte, kennen gelernt zu haben. Sollte er noch einmal nach Deutschland kommen, empfehle ich wirklich jedem, an einer Lesung teilzunehmen, viel großartigerer als dieser Abend kann ein Austausch zwischen Autor und Lesern nicht sein!

Eure Kim

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