Sonntag, 11. Oktober 2015

Rezension: Schwarz und Silber (Paolo Giordano)

Rowohlt Verlag
Hardcover, 176 Seiten
ISBN: 978-3-498-02531-1
17,95 €

Ein kurzer Einblick

In Paolo Giordanos neuem Werk erleben wir die Geschichte von Nora und ihrem Mann, sie selbst Architektin, er Physiker, die einen kleinen Sohn, Emanuele, haben, der von seinem liebevollen Kindermädchen Babette betreut wird, die ebenso den Haushalt der jungen Familie führt und gleichzeitig einen Ruhepol für das Ehepaar darstellt. Doch dann erkrankt sie plötzlich an Krebs und kann nicht mehr für die Familie da sein. Ohne sie verliert das Paar seinen Halt, zieht sich voneinander zurück, denn wie kann man den Verlust von jemandem wegstecken, der immer da war?

Bewertung

Nachdem ich von Giordanos Erstlingswerk „Die Einsamkeit der Primzahlen“ wirklich sehr begeistert war, wollte ich mir nun auch einmal sein neuestes Werk zu Gemüte führen, das aus der Sicht des Vaters erzählt wird. Dieser schildert sein Eheleben mit Nora und ihrem gemeinsamen Sohn Emanuele, in dem sie von ihrer Kindermädchen-Haushaltshilfe-Combo Signora A., von ihnen Babette genannt, unterstützt werden, seitdem Nora während der Schwangerschaft ans Bett gefesselt war. Immer wieder erinnert er sich an Anekdoten von Babette oder Erlebnisse mit ihr, die früh Witwe wurde und schließlich aufgrund ihrer Krebserkrankung nicht mehr zu der Familie kommen konnte, als Emanuele gerade in der Grundschule ist. Er berichtet von den Auswirkungen, die die Krankheit einerseits auf Babettes Leben hat und andererseits auch auf die Familie, die ihren Sicherheitsanker und im Falle von Emanuele einen sehr wichtigen Bezugspunkt seit seiner Geburt verloren hat. All dies wird dabei mit der Viersäftelehre des antiken griechischen Arztes Galenos verbunden, die später noch um mehrere Aspekte erweitert wurde. Das Schwarz der Melancholie wird dem Erzähler und auch Babette zugeordnet, das Silber der Fröhlichkeit jedoch Nora, was den Erzähler sich fragen lässt, ob sich Gefühle bei einem Paar vermischen lassen oder jeder für sich allein bleibt und dem anderen immer etwas fremd.
„Was Galenos nicht genau erklärt, ist die Frage, ob die Säfte seiner Humorallehre sich mischen lassen wie Lacke oder ob sie getrennt nebeneinander existieren wie Öl und Wasser; er erklärt nicht, ob das von der Leber hervorgebrachte Gelb in Verbindung mit dem Rot des Blutes ein neues, orangefarbenes Temperament hervorbringt, und auch nicht, ob durch Berührung, Durchdringung oder durch das bloße Gefühl Überläufe zwischen Personen möglich sind, wie es bei kommunizierenden Gefäßen der Fall wäre. Lange Zeit glaubte ich das. Ich war mir sicher, dass Noras Silber und mein Schwarz sich langsam vermischten (…) [Doch] wir waren, unseren Hoffnungen zum Trotz, nicht einer im anderen löslich.“ (S. 154/155)
Giordano spricht viele Themen an, die sehr zum Nachdenken anregen. Einen Schwerpunkt bildet Babettes Geschichte, ihre Krankheit, wie sich ihr Leben durch den Krebs veränderte, wie auch die Frage danach, was von einem selbst und seinem Leben übrig bleibt, wenn man gehen muss. Stärker geht es aber um den Umgang der jungen Familie mit dem Verlust eines ganz wichtigen Menschen, wie sich dabei auch die Dynamiken in der Ehe ändern, wenn ihr Sicherheitsanker wegfällt, wie auch der Umgang eines Kindes mit dem Verlust einer ganz wichtigen Bezugsperson, wofür es die Gründe noch nicht nachvollziehen kann. All dies gelingt Giordano sehr tiefgehend, wenn ich auch die Reaktionen des Erzählers und Noras auf die Krankheit von Babette nicht immer nachvollziehen konnte. Er zeigt sich aber auf jeden Fall wieder als sehr guter Kenner der menschlichen Psyche, was er bereits in „Die Einsamkeit der Primzahlen“ unter Beweis gestellt hatte.
Leider berührte mich das Buch nicht besonders, das auch etwas knapp ausgefallen ist, vieles hätte mehr ausgeführt werden können. Man baut aber vor allem keine wirkliche Beziehung zu den Figuren auf, obwohl sehr traurige und melancholische Aspekte angesprochen werden. Dazu passte auch überhaupt nicht das Happy End, das der Autor am Ende noch mit einbaute, wodurch er seine Linie nicht konsequent durchzog. Deshalb blieb ich zum Schluss ein wenig enttäuscht zurück.

Fazit

Paolo Giordano ist ein melancholisches Werk gelungen, das leider jedoch nicht an seinen großen Erfolg „Die Einsamkeit der Primzahlen“ heranreichen kann. Es behandelt wichtige Fragen um den Verlust eines Menschen, berührte mich aber kaum. Als Lektüre für zwischendurch eignet es sich durchaus, vielleicht an einem verregneten Wochenende, einen großen Roman sollte man aber nicht erwarten.

3,5 von 5 Punkten


Wir danken dem Rowohlt Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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