Mittwoch, 21. Oktober 2015

Rezension: Null bis unendlich (Lena Gorelik)

Rowohlt Verlag
Hardcover, 304 Seiten
ISBN: 978-3-87134-806-8
19,95 €

Ein kurzer Einblick

Mit vierzehn Jahren lernt der Außenseiter Nils Liebe, der die Gegenwart von Büchern stets der von Menschen vorzog, die gleichaltrige Sanela kennen, die vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen ist, in dem sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter nun auch noch ihren geliebten Vater verloren hat. Beide freunden sich an und reißen sogar zusammen in Sanelas Heimat aus, um das Grab ihres Vaters zu finden. Doch danach endet ihre Freundschaft abrupt, bevor mehr daraus werden kann, als Sanela die Stadt verlassen muss. Viele Jahre später bekommt Nils wie früher wieder einen Brief von Sanela und merkt, wie sehr sie ihm gefehlt hat. Mit ihrem Sohn Niels-Tito, der sich wie Nils für Zahlen interessiert, wachsen sie beinahe zu einer Familie zusammen, doch was Nils nicht weiß: Sanela ist schwer krank…

Bewertung

Dies ist das erste Buch der Autorin für mich, das mich ein wenig zwiegespalten zurückließ. Es konnte mich über weite Teile fesseln, weckte auch mein Interesse, vor allem bei der Schilderung der kurzen, aber intensiven Freundschaft von Nils und Sanela in ihrer Jugend, in der man insbesondere Sanelas Schmerz über den Verlust ihres Vaters sehr nachdrücklich zu spüren bekommt. Und miterleben kann, wie Nils versucht, Sanela die deutsche Sprache beizubringen, was ich von Gorelik als herausragend umgesetzt empfand. Man fühlte mit diesen beiden Außenseitern mit, die endlich einmal einen Menschen gefunden hatten, der sie verstand, bei dem sie sich wohl fühlen konnten. Nach Sanelas Weggang (die Gründe dafür verrate ich einmal nicht) jedoch wurde das Buch etwas schwächer, die kurzen Schilderungen, was beide in der Zwischenzeit erlebten, nahmen dem Roman ein wenig von dem einzigartigen Charme, den er bis dahin entwickeln konnte und der mich an „Die Einsamkeit der Primzahlen“ erinnerte. Als beide wieder aufeinander treffen, wird die Handlung wieder besser, vor allem auch durch die überzeugend herausgearbeitete Dynamik in ihrer Beziehung und dem sich aufbauenden Verhältnis zwischen Nils und Sanelas Sohn Niels-Tito, der ähnlich wie seine Mutter ein eigenartiges Kind ist, aber doch den Schutz einer Familie sucht. Das Ende wiederum kommt wenig überraschend, auch da man sich von Anfang an denken kann, für diese beiden kann es kein Happy End geben.
Was das Buch ausmacht, ist die psychologische Tiefe, mit der die dargestellten Beziehungen zwischen Nils, Sanela und Niels-Tito herausgearbeitet werden. Insbesondere Sanela und ihre Ausbrüche, ihr Zerstörungswahn gegen alles Gute, gegen jeden angenehmen Augenblick wurden von der Autorin sehr gelungen gezeichnet, man spürt den Schmerz in ihr aufgrund der Verluste ihrer Eltern und ihrer Kriegserfahrungen, auch wenn man ihre Handlungen nicht immer nachvollziehen kann. Da liegt auch ein wenig das Problem, das ich mit dem Roman hatte. Die Charaktere werden einem trotz oder gerade wegen ihrer Andersartigkeit sehr sympathisch, insbesondere mit Nils konnte ich mich sehr gut identifizieren, doch ein paar Handlungen waren dann doch zu weit hergeholt, wirkten dadurch eher unrealistisch. Außerdem konnte ich mit den Figuren immer weniger mitfiebern, zu früh stellte man sich auf das unvermeidliche Ende ein und wahrte immer eine gewisse Distanz zu den Charakteren, so dass mich ihr Schicksal nicht stark berührte.

Fazit

Die Lektüre hat sich auf jeden Fall gelohnt, wenn mich das Ende dieses sehr stark begonnenen Romans doch ein wenig enttäuschte. Was herausragend gelungen ist, das ist die Herausarbeitung der Psyche der Hauptfiguren, zu denen man leider etwas den Kontakt verliert, je länger das Buch andauert. Wer eigenwillige Liebesgeschichten mag, wird aber mit diesem Werk von Lena Gorelik rein gar nichts falsch machen.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Rowohlt Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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