Mittwoch, 14. Oktober 2015

Rezension: Declare - Auf dem Berg der Engel (Tim Powers)

Festa Verlag
Hardcover, 640 Seiten
ISBN: 3-935822-53-7
29,95 €


Ein kurzer Einblick

»Declare« - unvollendeter Einsatz und Alptraum von Andrew Hale. Kim Philby - berühmter britischer Doppelagent. Der Kalte Krieg - Maskerade für einen viel älteren Kampf. Auf dem Ararat in Ostanatolien geschah 1948 eine Katastrophe. Hale erhält im Kalten Krieg einen Anruf, Operation »Declare« wieder aufzunehmen.

Bewertung
»(...) und er dachte an den ehrwürdigen Schauder beim Anblick des Engels, der sich vor ihm verneigte hatte oder zerbrochen war - Sündige durch Stolz und du sündigst wie die Engel! -, und er fragte sich, welche Geheimnisse der König von Wabar ihm vielleicht hätte enthüllen können ...!« (Seite 395)

Kim Philbys Vater St. John Philby suchte in den Wabar-Kratern, durch Meteoriteneinschläge entstandene Krater in Saudi-Arabien, nach der Stadt Ubar. Im Koran stehe, dass diese von Gott zerstört worden sei. Fälschlicherweise übersetzte Philby Ubar als Wabar. Kim Philby war britischer Doppelagent. Guy Burgess, ebenfalls Doppelagent für den britischen Geheimdienst und die Sowjetunion, begeisterte Kim für den Kommunismus. 1931 trat Philby der Cambridge University Socialist Society bei. Nach Abschluss mit Examen war er leidenschaftlicher Kommunist. Nach Jahren im Agentenleben tauchte er in Beirut unter, nahm später die sowjetische Staatsbürgerschaft an und erhielt eine Anstellung im KGB. Kim Philby ist eine Person, die es tatsächlich gab. Die Engel aus dem Zitat hingegen nicht. Die Wabar-Krater spielen im Roman eine zwar nicht wichtige Rolle, bieten aber eine interessante Szenerie.

Fiktion oder Wirklichkeit?
Tim Powers verwebt wahre Begebenheiten und phantastische Ideen derart eng miteinander, dass man meinen könnte, die Ereignisse aus »Declare« seien Realität. So nimmt er Kim Philby und webt dessen Leben kaum verfälscht in den Roman und füllt dessen ungereimte Lebenslücken auf. Im Nachwort geht Powers auf den Roman und die Quellen ein. Wer nach der Lektüre Interesse an weiteren Hintergründen hat, wird dort fündig. So entsteht eine wagemutige und kongeniale Vermischung zwischen Spionagethriller und Phantastikroman.

Ein Brett von Roman
In einer ungemein komplexen Handlung vermischt Powers nahe Historie mit einem uralten Krieg. Stimmig fügen sich beide Ebenen miteinander zusammen, um ein düsteres Gesamtgebilde zu erschaffen, die den Vorhang der Realität splittern lässt. Dabei wechselt Powers nicht nur zwischen Rückblenden und Schilderungen in der Gegenwart, sondern baut die Atmosphäre derart dicht auf, dass andere Autoren die Informationen in einen Absatz gepackt hätten - und nicht in einen Satz. Das Niveau von Declare setzt die Messlatte oben an und vermag zu begeistern. Egal wie anstrengend die Handlung ist, die Informationsfülle treibt an. Informationsbrocken werden hingeworfen, Fragen gestellt, die Antworten gibt es erst sehr viel später, wenn überhaupt. Tim Powers ist glücklicherweise kein Autor, der gewillt ist, alles zu erklären. Die Intelligenz Zusammenhänge zu begreifen und im Gedächtnis selbst Kleinigkeiten zu behalten, wird bis auf wenige Ausnahmen vorausgesetzt. »Declare« ist ein sorgfältig und wohlschmeckender Sud aus Intrigen, Doppelagenten, Geheimdiensten aus Großbritannien, Frankreich und Russland. Irgendwo dazwischen funkelt die Finsternis einer uralten Zeit: Der Kalte Krieg ist ein Nichts im Vergleich zum wahren Kampf.

Engel und Dschinn
Der Kalte Krieg ist bloß eine Maskerade für etwas anderes. Einst begehrten die Engel gegen Gott auf, die daraufhin ins ewige Exil geschickt wurden. Sie sind Wesen aus einer Zeit, lange bevor die Religion erfunden wurde. Damit legitimiert Powers die Gleichsetzung zwischen den Begriffen Dschinn und Engel und verleiht den mächtigen Wesen eine mythischere Note. Zwar unterliegen die Engel regeln, doch sind diese derart vom menschlichen Verstehen entfremdet, dass Kommunikation unseren Völkern unmöglich ist. Die Engel besitzen keinen moralischen Kodex, nur durch Schutzmechanismen können die Menschen sich vor ihnen schützen. Von sich aus sind sie nicht bösartig - solange deren Gebiete respektiert werden.
Auf dem Ararat in Ostanatolien soll die Arche Noahs gestrandet sein. Sie bietet Heimstatt für eine Kolonie Engel; die Menschen sehen in ihnen eine urgewaltige Waffe, die gezähmt werden muss. Kriege könnten entschieden, die Weltordnung auf den Kopf gestellt und Länder vernichtet werden. Im Nachkriegsberlin wäre es der Sowjetunion fast gelungen, wäre Andrew Hale nicht gewesen.

Hauptcharakter Andrew Hale
Andrew Halte ist ein britischer Wissenschaftler und Dozent in Oxford. Nun, er war und ist noch immer Agent des britischen Geheimdienstes. Bereits als Kind hatte er Kontakt zum Secret Intelligence Service. James Theodora ist sein Mentor und Meister. 1941 wurde Hale rekrutiert. Im Zweiten Weltkrieg unterwanderte er in Paris den kommunistischen Geheimdienst. Hier lernte er Elena Teresa Ceniza-Bendiga, Partner, Gegenspieler, Liebespartnerin, kennen. Als sie auffliegen, flieht er mit ihr vor der Gestapo. Elena folgt einem Rückruf nach Moskau, Andrew beschäftigt sich in London mit Aktenstudien, die ihn ins Nachkriegsberlin führen und schließlich erneut zum Ararat. Immer wieder läuft er Elena und Kim Philby über den Weg. Seit der Katastrophe 1948 am Ararat, die er fast mit seinem Leben bezahlte, fürchtet Andrew sich vor dem Berg und dessen, was auf seinem Gipfel wohnt. Als Andrew Hale reaktiviert wird, soll er den unvollendeten Einsatz »Declare« zu Ende bringen.

»Declare - Auf dem Berg der Engel« gewann den World Fantasy Award und den International Horror Guild Award.

Fazit

Wortgewaltig, äußerst komplex, tiefschürfend und verdammt glaubwürdig: Das ist »Declare - Auf dem Berg der Engel«. Realität und Fiktion verschwimmen zu einer neuen Form eines geheimen Krieges, der im verborgenen tobt. Geheimdienste, Doppelagenten und eine uralte Macht verwirren sich zu einem atemberaubenden Roman, der noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Tim Powers hat einen wahrlich eindrucksvollen Roman verfasst.

4,5 von 5 Punkten

Nachwort zur Rezension
An alle Spoiler-Enthusiasten: In dieser Rezension habe ich sehr viel über den Roman verraten. Wegen dessen Komplexität konnte ich einige Ereignisse aber nur anreißen, geschweige denn auch nur alle erwähnen. »Declare« bietet noch sehr viel mehr Geheimnisse.

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