Freitag, 23. Oktober 2015

Legimus trifft... Reiner Stach

Liebe Leserinnen und Leser,

wie wir euch bereits berichtet haben, befindet sich Reiner Stach dieses Jahr auf Lesereise, bei der er den letzten Band „Kafka. Die frühen Jahre“ seiner dreiteiligen Franz Kafka-Biografie vorstellt. Ich konnte glücklicherweise bei seiner Lesung in der Stadtbibliothek Bielefeld dabei sein, die im Rahmen der Bielefelder Literaturtage 2015 veranstaltet wurde.
Vor dem Beginn der Lesung wurde das Publikum mit gefühlvoller Klaviermusik auf diesen interessanten Abend eingestimmt, auch hatte man noch die Möglichkeit, die drei Bände von Stachs Kafka-Biografie käuflich zu erwerben. Schließlich wurde Reiner Stach und sein beruflicher Werdegang kurz vorgestellt, der sich durch eine im Grunde genommen lebenslange Beschäftigung mit Franz Kafkas Leben und Werk auszeichnete. Daraufhin betrat Reiner Stach selbst die Bühne und begann seine Lesung zunächst mit der Erläuterung der Gründe für die ungewöhnliche Reihenfolge, in der die jeweiligen Bände seiner Biografie erschienen sind. Diese kamen nicht chronologisch heraus, sondern der zeitlich zweite Teil, der die Jahre 1910-1915 umfasst, erschien als erster, der zeitlich letzte Band mit den Jahren 1915-1924 als zweiter und nun der zeitlich erste Teil als letzter. Dies lag in erster Linie an den Streitigkeiten um Max Brods Nachlass (Kafkas bester Freund), der vor über 18 Jahren, als Stach mit der Arbeit an seiner Biografie begann, kaum zugänglich war, dessen Briefe und Tagebücher jedoch insbesondere für Kafkas frühe Jahre sehr wichtige Quellen darstellen, da sonstige Quellen eher rar sind. Daher schob Stach die Behandlung von Kafkas Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenleben nach hinten. Leider ist der Nachlass bis heute immer noch nicht zugänglich, Stach lagen aber immerhin Kopien von Briefen und Tagebüchern vor.

Daraufhin widmete sich Stach dem Inhalt seines Buches, stellte zunächst die Stadt Prag näher vor, in der Kafka aufwuchs, was nach seiner Aussage anderen Biografien zu Kafka in dieser Art fehle, aber durchaus wichtig sei, um Kafkas Umfeld besser nachvollziehen zu können. Ebenso stellte er Kafkas Familie und seinen Freundeskreis, der stets sehr klein war, vor, um dann intensiver auf Kafkas Charakterentwicklung seit frühester Kindheit zu sprechen zu kommen. Dazu las er eine Passage aus seinem Werk vor, die die Einsamkeit, die Kafka als Kind empfand, verdeutlicht, der immer wieder mit seiner Familie umziehen musste, seine Eltern selten sah, die ein Geschäft unterhielten, und der auch sonst keinen Halt fand durch ständig wechselnde Haushaltshilfen und den frühen Tod seiner Geschwister. Nach Stachs Ansicht lernte Kafka somit keine Beständigkeit in menschlichen Beziehungen kennen und hielt stabile Liebe nicht für möglich, wie sich später in seinen Beziehungen zu Frauen zeigen sollte und sich auch in seinen Werken fortsetzte, die oftmals etwa durch abrupte Trennungen gekennzeichnet sind.
Ein zweiter zentraler Aspekt der Lesung waren Kafkas Überlegungen zur Berufswahl nach seinem Jura-Studium, der erst einmal nach einem „Brotberuf“ suchte, um nebenher schreiben zu können. Stach fragte nach den Optionen, die dieser hatte, insbesondere als Jude, die zwar rechtlich gleichgestellt waren, in der Praxis jedoch in ihrer Karriere immer noch behindert wurden. Auch zu dieser Thematik las Stach eine Textstelle vor und erläuterte zusätzlich seine Herangehensweise bei fehlenden Quellen zu wichtigen Aspekten in Kafkas Leben. So nutzte er bei dieser Thematik etwa Kafkas Klassenkameraden Hugo Bergman als Folie. Außerdem erklärte Stach in einem kleinen Exkurs seine Arbeitsweise, die sich methodisch an Jean-Paul Sartre orientierte, erläuterte, wie die Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag ausgehandelt wurde, die es ihm ermöglichte, sich nur auf sein Buchprojekt zu konzentrieren, und gab uns einen kleinen Einblick in seine Arbeit nach der Veröffentlichung, die aus vielen Lesungen, Schulvorträgen, Überprüfungen von Übersetzungen, Stadtführungen durch Prag und die Beratung einer geplanten Verfilmung seiner Biografie besteht, die als Miniserie in acht Teilen vorgesehen ist.
Zuletzt widmete sich Stach noch Kafkas Reisen mit Max Brod, zu denen er eine Passage aus dem Buch zu einer Reise nach Mailand vorlas, wo kurz vor der Ankunft der beiden die Cholera ausgebrochen war, was bei Brod wiederum zu großen Infektionsängsten führte. Stach las diese Textstelle zudem sehr erheiternd vor, so dass es im Publikum zu zahlreichen Lachern kam, auch als er zusätzlich noch Kafkas seltsame Eigenheiten beim Reisen erläuterte. Im Anschluss erläuterte Stach in einer kleinen Gesprächsrunde noch seine Schreibweise, die durchaus romanhaft sein sollte, aber nichts zu den wahren Begebenheiten dazuerfinden sollte, klärte uns über den aktuellen Stand zum Streit um den Nachlass von Max Brod auf und betonte noch einmal die Wichtigkeit der Darstellung des historischen Kontextes in einer Biografie, der schließlich den „Stoff“ bilde, in dem die dargestellte Person lebte.
Damit endete nach zwei Stunden Stachs wirklich interessante Lesung, der noch zur üblichen Signierung seiner Bücher bereit stand. Bei mir hat sie definitiv das Interesse an seiner Biografie geweckt, die ich bisher noch nicht gelesen habe, was ich aber auf jeden Fall noch nachholen werde. Ich kann wirklich jedem nur empfehlen, sich einmal Reiner Stach anzuhören, ihr werdet einen lockeren, lustigen Abend erleben und auf keineswegs trockene Art tiefgehende Einblicke in einen großartigen Schriftsteller erhalten.

Eure Kim

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen