Sonntag, 6. September 2015

Rezension: Middlemarch (George Eliot)

Anaconda Verlag
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 1216 Seiten
ISBN: 978-3-86647-553-3
9,95 €

Ein kurzer Einblick

George Eliots 1871/72 erschienenes, viel gelobtes Meisterwerk setzt um 1830 im fiktiven Ort Middlemarch ein und entwickelt vor dem Hintergrund der fortschreitenden Industrialisierung und des Reform Acts von 1832, bei dem die Wahlkreise für die Wahl des britischen Parlaments neu eingeteilt wurden, drei Liebesgeschichten: die junge Dorothea Brooke heiratet den viel älteren Pfarrer Edward Casaubon und hofft, ihn bei seinen Studien zu unterstützen, der junge Doktor Tertius Lydgate übernimmt die Leitung des neuen Krankenhauses und umwirbt die reiche Rosamond Vincy, deren Bruder Fred gegen seine von der Familie vorgesehene Karriere als Geistlicher rebelliert und um die Liebe der sozial unter ihm stehenden Mary kämpft…

Bewertung

Der Roman ist in acht Hauptkapitel unterteilt, an denen man noch seine Erstveröffentlichung erkennt, erschien er doch über die Jahre 1871/72 in acht Fortsetzungen. Erzählt wird die gesamte Handlung durch einen auktorialen Erzähler, der immer wieder mit sehr scharfsinnigen, oftmals auch ironischen Beschreibungen der menschlichen Schwächen der Charaktere die Handlung unterbricht und so dazu beiträgt, alle Figuren, auch die vielen Nebencharaktere, sehr lebensnah zu zeichnen und weiterzuentwickeln. Eliot gelingt es durchweg sehr lebendige Charaktere auftreten zu lassen, in die man sich sehr gut hineinversetzen kann und die sehr psychologisch tiefgehend gezeichnet werden, egal ob dies nun die beiden Hauptfiguren, Dorothea Brooke und Tertius Lydgate, und ihr Umfeld sind oder auch die beiden größeren Nebenhandlungen um Fred Vincy und um den Bankier Nicholas Bulstrode. Man kommt nur leider vor allem zu Anfang etwas mit den vielen Figuren durcheinander, da auch einige über viele Seiten nicht mehr auftauchen und dann plötzlich wieder eine Rolle spielen, ohne kurz erläutert zu werden.
Ebenso kann man dem Roman leider nicht immer gut folgen, da unzählige Lebensbereiche angesprochen werden: Eheverhältnisse im Viktorianischen England, Entwicklungen in der Medizin, strukturelle Veränderungen durch die Industrialisierung in der Provinz, Religion, Kunst, Entwicklungen im Wahlrecht, Kritik an der schwachen Bildung der Frauen, das Recht auf Selbstbestimmung. Eliot zeichnet somit ein eindrucksvolles Gesellschaftsportrait der Provinz im Viktorianischen Zeitalter, das sich kritisch mit seinen aktuellen Entwicklungen auseinandersetzt und oftmals sehr modern wirkt, insbesondere ihr Appell für selbstständigere Frauen. Vorkenntnisse zur damaligen Zeit helfen allerdings enorm, um all diesen Themen angemessen folgen zu können, insbesondere all die Auswirkungen durch die neue Wahlkreiseinteilung waren für mich nicht immer verständlich.
Generell ist der Roman nicht immer flüssig zu lesen, er zieht sich durch all die verschiedenen Themen, die angesprochen werden, etwas. Man muss sich sicherlich für die Zeit interessieren, ob mit Freude all den langen Ausführungen folgen zu können, spannender waren für mich die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren, die sehr feinfühlig entwickelt wurden und mit der Zeit immer fesselnder zu lesen waren. Leider fiebert man mit den meisten Figuren nicht besonders mit, lediglich Dorotheas Geschichte konnte mich wirklich berühren. Somit kann ich den Roman nicht so sehr loben, wie dies generell getan wird, sehr lesenswert war er aber dennoch. Zu etwaigen Erläuterungen zum Roman in dieser Anacondaausgabe kann ich leider nichts sagen, da ich das Buch im englischen Original gelesen habe.

Fazit

„Middlemarch“ ist durchaus ein sehr gut recherchierter, ambitionierter Gesellschaftsroman, der erstklassig seine Figuren zeichnet und weiterentwickelt und dessen Handlung mit der Zeit immer fesselnder wird. Die gesellschaftlichen Entwicklungen im England um 1830 stellt er herausragend dar, durch die Fülle an Themen wird er aber auch etwas langatmig, was das Lesevergnügen ein wenig schmälert. Wer sich aber für viktorianische Literatur interessiert, kann bei diesem Werk bedenkenlos zugreifen.

4 von 5 Punkten

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