Dienstag, 22. September 2015

Rezension: Die griechisch-römische Religion (Paul Veyne)

Reclam Verlag
Taschenbuch, 198 Seiten
ISBN: 978-3-15-020393-4
12,95 €

Ein kurzer Einblick

Der sehr angesehene französische Althistoriker Paul Veyne widmet sich in diesem knappen Band zentralen Strukturen der Religionsvorstellungen der antiken Griechen und Römer. Er beschäftigt sich mit vielen grundlegenden Fragen etwa nach der Vorstellung der Menschen von ihren Göttern, auch im Vergleich zum späteren Christentum, nach dem Verhältnis von Religion und Moral, mit der Frage, was einen frommen Menschen ausmachte, mit den Unterschieden des Glaubens der Bildungselite und des einfachen Volkes oder etwa antiken Jenseitsvorstellungen und zeigt ihre Wandlung über die Jahrhunderte bis in die Spätantike auf.

Bewertung

Paul Veynes Essay ist ein Geleitwort von Christian Meier, einer von Deutschlands bekanntesten Althistorikern, vorangestellt, in dem er kurz darstellt, worum es Veyne in seinem Text geht. Im Zentrum stehe die Frage, wie die Griechen und Römer es mit ihren Göttern hatten und wie diese es wiederum mit den Menschen hatten. Dafür lasse er vieles, was man in gängigen Religionsgeschichtsbüchern finde, beiseite, wie etwa Details zu Riten und Opfern, religiösen Festen, Vorzeichen und Priesterschaften. Außerdem stellt Meier den Autor kurz vor, woran sich schließlich Veynes Ausführungen anschließen. Er beschäftigt sich zunächst stärker mit den Vorstellungen von den Göttern, ihrem Wesen, auch immer im Vergleich zum Christentum, um dann mehr auf die Verbindungen zu den Menschen einzugehen und sich mit ihrer Auslebung ihrer Frömmigkeit auseinanderzusetzen, in der Riten eine viel wichtigere Rolle spielten als der im Christentum so bedeutende Glaube. Die bereits oben erwähnten Punkte werden ebenso knapp behandelt, wie auch weiterhin etwa das richtige Verhalten in heiligen Stätten, der Konflikt mit den Christen oder die Zweifel der Ungläubigen. Dabei geht Veyne recht chronologisch vor und zeigt immer wieder Wandlungen in den Vorstellungen von den Göttern und im Umgang mit ihnen auf, die sich mit der Zeit entwickelten. Seine Ausführungen stützt er wie üblich mit zahlreichen Stellen aus antiken Werken und dem Bezug auf einige Werke der Sekundärliteratur, wozu man am Ende des Buches im Anmerkungsverzeichnis noch zahlreiche Erläuterungen erhält. Leider weist der Band kein weiterführendes Literaturverzeichnis auf, was angesichts der Konzeption des Textes ein wenig zu bedauern ist. Stellt dieser doch weniger ein ausführliches Überblickswerk zur Religion der Griechen und Römer dar, sondern vielmehr ein knappes Einleitungswerk zu tiefgehenden Fragen rund um die Glaubens- und Göttervorstellungen der Menschen (und alles, was damit einhergeht), das enorm zur Weiterbeschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen anregt.
Mir persönlich war der Text nicht immer geordnet genug, ein wenig mehr Struktur hätte mir besser gefallen, insbesondere da die Beschäftigung mit vielen im Text angesprochenen Punkten für mich ziemlich neu waren. Die ausgesparten Aspekte wie die verschiedenen Priesterschaften und ihre Aufgaben, Feste, Abläufe bei Riten und Opfern sind mir vertraut, Fragen nach dem tatsächlichen „Glauben“ der Menschen hingegen nicht. Trotzdem war der Text insgesamt sehr gut und spannend lesbar, wenn ich mir viele Aspekte auch ausführlicher dargestellt gewünscht hätte. Interessant waren immer wieder die Vergleiche zur christlichen Religion und auch die Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Gebildeten bzw. der Philosophen und des einfachen Volkes, auf die Veyne häufig eingeht. Kritisch würde ich jedoch seine zu geringe Unterscheidung der griechischen und römischen Religion (und damit auch den nicht ganz angemessenen Titel des Buches) sehen, die meist deckungsgleich behandelt werden, wenn er auch etwa bei den Opfern auf Unterschiede bei Griechen und Römern eingeht.

Fazit

Wer sich generell für Religionsfragen und/oder die antike heidnische Religion interessiert, dem kann ich Veynes kurzes Bändchen bedenkenlos empfehlen. Er wirft viele tiefgehende Fragen rund um die Religionsvorstellungen der antiken Griechen und Römer auf, die fundiert, oftmals auch kontrovers vorgetragen sind und zur Weiterbeschäftigung mit der Thematik anregen. Als Einstieg ins Thema halte ich den Band jedoch nicht für geeignet, man sollte sich bereits etwas mit der Religion der Griechen und Römer auskennen.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Reclam Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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