Freitag, 14. August 2015

Rezension: Ungeduld des Herzens (Stefan Zweig)

Fischer Verlag
Taschenbuch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-596-21679-6
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Neben seinen vielen historischen Betrachtungen, Biographien und Novellen hat Stefan Zweig mit „Ungeduld des Herzens“ auch einen Roman vollendet, der sich mit dem Leutnant Anton Hofmiller und seiner Beziehung zur 17jährigen, gelähmten Edith von Kekesfalva befasst, die sich, nachdem Hofmiller immer wieder Gast im Hause ihres Vaters war, in diesen verliebt. Aus Mitleid handelnd, immer wieder bedrängt durch den Vater Ediths und ihren Doktor, die darauf hoffen, dass eine Zuneigung seinerseits zu Edith ihren Gesundheitszustand positiv beeinflussen könnte, verlobt Hofmiller sich schließlich mit ihr, kann aber vor seinen Kameraden nicht zu seiner Entscheidung stehen und leugnet diese. Das Unglück nimmt seinen Lauf, als Edith davon erfährt…

Bewertung

Nachdem ich bisher fast nur Biographien und historische Behandlungen von Zweig gelesen habe, war es einmal an der Zeit für seinen einzigen Roman, der endlich wieder an seine sehr gelungenen Biographien etwa zu Marie Antoinette, Magellan oder Amerigo heranreicht, nachdem ich von den Werken, die ich mir zuletzt von ihm vorgenommen hatte, ein klein wenig enttäuscht war. „Ungeduld des Herzens“ ist aber wieder ein überaus überzeugendes, fesselndes Buch, das ich mit Begeisterung gelesen habe. Es spielt in den Monaten vor dem 1. Weltkrieg, wird aber in einer Art Rückschau aus dem Jahr 1938 erzählt, als der Autor auf Hofmiller getroffen sei und dieser ihm bei ihrem zweiten Treffen über sein Verhältnis zu Edith von Kekesfalva berichtet habe. Dieses erlebt man nun bis ins kleinste Detail mit, vom ersten Kennen lernen bei einer Veranstaltung im Hause Kekesfalva, bei der Hofmiller, der nicht um die Lähmung Ediths weiß, sie zum Tanz auffordert, dann beschämt das Weite sucht und sich mit einem Blumenstrauß entschuldigt, woraus sich eine Freundschaft der Familie Kekesfalva mit Hofmiller entwickelt, der regelmäßig nachmittags zu Besuch kommt. Man merkt sehr schnell, wie Edith Gefühle für Hofmiller entwickelt, auf mehr als Mitleid von ihm hofft und in seiner Gesellschaft aufblüht, bloß Hofmiller selbst nimmt diese nicht wahr, sieht er doch in Edith nur die Gelähmte, nicht die heranwachsende Frau, die wie jeder Mensch fühlt und liebt. Im Zentrum steht die Herausarbeitung seines „falschen“ Mitleids mit Edith, bei Zweig die sogenannte Ungeduld des Herzens, das dem des Arztes von Edith, Dr. Condor, gegenüber gestellt wird, der mit einer Blinden aus „echtem“ Mitleid verheiratet ist. Condor ist in gewisser Weise ein Gegenpol zu Hofmiller, der auch als sein Gewissen agiert und als positives Beispiel vorangeht, konsequent seinen Weg geht, an seine Verpflichtungen denkt und versucht, möglichst vielen Menschen zu helfen. Hofmiller hingegen geht sehr wankelmütig vor, kann keine Entscheidung in Bezug auf sein Verhältnis zu Edith treffen, wird somit in die Verlobung hineingedrängt, schämt sich dieser aber wieder vor seinen Kameraden und versucht sich aus diesem Dilemma mit Flucht zu retten.
All dies hat Zweig mal wieder erstklassig psychologisch herausgearbeitet, wie ich es bisher sehr, sehr selten in anderen Romanen gelesen habe. Man kann sich absolut in die Hauptcharaktere hineinversetzen, sie wirken wie echte Menschen mit echten Gefühlen, die bis ins kleinste Detail tiefgründig gezeichnet sind und mit denen man von der ersten bis zur letzten Seite mitfiebert. Man fühlt Ediths Ungeduld, was ihren Heilungsprozess angeht, Hofmillers Unentschlossenheit, Kekesfalvas Verzweiflung angesichts der Krankheit seiner Tochter und Dr. Condors angestrengte Bemühungen, irgendeinen Fortschritt bei Edith zu bewirken, hautnah mit und hofft die ganze Zeit auf einen noch glücklichen Ausgang im Vergleich zu dem tragischen, auf den die Handlung scheinbar zusteuert…

Fazit

Nach der Lektüre dieses Buches muss ich wirklich sagen, es ist jammerschade, dass Stefan Zweig bloß einen Roman vollendet hat. Dass es ihm immer gelingt, seine Figuren psychologisch äußerst tiefgehend zu zeichnen, bin ich bereits aus seinen anderen Werken gewohnt, doch auch sonst kann ich eigentlich nichts an diesem Roman aussetzen, der zusätzlich durch eine fesselnde und rührende Handlung und die eingehende Gegenüberstellung von wahrem und falschem Mitleid und dessen Auswirkungen überzeugt.

4,5 von 5 Punkten

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