Mittwoch, 5. August 2015

Rezension: Schweigeminute (Siegfried Lenz)

dtv
Taschenbuch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-423-13823-9
7,90 €

Ein kurzer Einblick

Während einer Gedenkfeier für die verstorbene Englischlehrerin Stella Petersen an seiner Schule nach den Sommerferien denkt der 18jährige Schüler Christian an ihren gemeinsamen Sommer in einer Kleinstadt an der Ostsee zurück, in dem sich eine heimliche Liebesbeziehung zwischen beiden entwickelte, die Christian für den Rest seines Lebens verändert, jedoch bloß den einen Sommer dauert, da Stella bei einem Bootsunfall lebensgefährlich verletzt wird und kurz darauf im Krankenhaus stirbt.

Bewertung

Diese Novelle aus dem Jahr 2008 ist das erste Werk von Siegfried Lenz, das ich von ihm gelesen habe, und es wird auf keinen Fall das letzte gewesen sein. Christians Rückblick auf seine Beziehung zu seiner Lehrerin Stella, die in den 1960er Jahren spielt, schildert Lenz so fesselnd und berührend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Die Handlung setzt direkt mit der Gedenkfeier nach den Ferien ein, man braucht sich also keinerlei Illusionen hingeben, dass die Novelle einen glücklichen Ausgang haben wird. Christian erinnert sich während der Feier an seinen Sommer mit Stella, wobei die Rückblenden häufig durch den Fortgang der Trauerfeier unterbrochen werden, oftmals erfolgt der Wechsel vom einen Handlungsstrang zum anderen sehr abrupt, so dass das Buch nicht immer flüssig zu lesen ist. Dazu trägt auch die gewählte Erzählform bei, die Christian, aus dessen Sicht wir die gesamte Handlung erleben, bei seinen Erinnerungen an Stella ständig wechselnd in der 3. und 2. Person von ihr erzählen lässt, so dass einige Passagen wie ein Gespräch mit Stella anmuten. Der vielmals verwendete Fischer- und Seglerjargon, wenn Christian etwa seinem Vater beim Steinfischen hilft oder Ausflüge mit dessen Boot unternimmt, war für mich als absoluter Laie auf diesem Gebiet auch etwas unverständlich, trug aber entscheidend dazu bei, sich den Ort der Handlung, den Sommer am Meer bildlich vorzustellen.
Im Zentrum des Werkes steht die Beziehung von Christian und Stella zueinander, deren Beginn jedoch recht offen gelassen wird. Wie sich beide überhaupt richtig ineinander verlieben, wird nicht wirklich deutlich, genauso wenig erfährt man viel über ihr Intimleben. Ebenso bleibt Stellas Alter unklar. Sie wirkt ziemlich jung, scheint aber schon ein paar Jahre an Christians Schule zu arbeiten, so dass sie vermutlich mindestens Ende 20 ist. Das Spannungsverhältnis, zwischen Liebespaar auf der einen Seite, jedoch Lehrerin und Schüler auf der anderen Seite, arbeitet Lenz sehr gelungen heraus. Man kann nur vermuten, wie viel Bedeutung Stella ihrer Beziehung beimisst, da man nur Christians Sicht der Dinge erfährt, ob diese etwa von Dauer hätte sein können. Christian malt sich in seiner Verliebtheit eine Zukunft mit Stella aus, dessen Umgang mit der Situation noch durch die Behandlung von Orwells „Farm der Tiere“ verdeutlicht wird, über das Christian einen Aufsatz im Englischunterricht schreiben muss. In diesem stellt er zwar den Aufstand der Tiere sehr gut dar, doch mit der Situation nach dem Erfolg, der Eroberung der Farm in diesem Fall, beschäftigt er sich kaum. Eine Sonderbehandlung erhält Christian eindeutig nicht, über Noten wird nicht gesprochen, ihren Autoritätsbereich als Christians Lehrerin steckt Stella somit deutlich ab. Man kann sich fragen, welche Zukunft diese Beziehung in diesem Spannungsverhältnis hätte haben können, doch sie endet, bevor sie richtig begonnen hat mit Stellas frühem Tod, der mich wirklich berührte, obwohl man von Anfang an davon weiß. Beide Hauptfiguren sind einem aber schnell ans Herz gewachsen und wirken viel eher wie ein junges Liebespaar als wie Lehrerin und Schüler, so dass man ihnen ein schöneres Ende gegönnt hätte.

Fazit

Eine gefühlvolle Novelle über eine heimliche Liebe zwischen Lehrerin und Schüler, die einen stärker über solche Tabubeziehungen nachdenken lässt. Mit viel Wärme entfaltet Lenz diese kurze Beziehung zwischen Christian und Stella, die vielleicht nie eine Zukunft miteinander gehabt hätten, deren jähe Trennung durch Stellas Tod aber wirklich berührt. Ein wirklich schönes kleines Stück Literatur!

4 von 5 Punkten

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