Donnerstag, 13. August 2015

Rezension: Logoland (Max Barry)

Heyne
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-453-81065-5
8,95 €


Ein kurzer Einblick

Ein Globalisierungsthriller des Konsums, des aggressiven Marketings und der absoluten Vormachtstellung gegenüber der Konkurrenz. Um den massenproduzierten Schuh zu promoten, fährt Nike harte Geschütze auf: eine Verkaufsidee, die die 2500 Dollar teuren Nike Mercurys zum Verkaufshit ankurbeln soll. Der Plan: Zehn Teenager im Einkaufstrubel erschießen. Da niemand sich die Hände schmutzig machen will, wandert der Mordauftrag zu immer neuen Dienstleistern.

Bewertung

Globaler Kapitalismus und Konsumterror - Max Barrys Dystopie packt den Verstand und zerrt den Leser in eine Zukunft, die erschreckend nah und beängstigend ist. Konzerne kämpfen aggressiv um jeden Prozentpunkt Vorsprung am Markt. Marketing muss den Preis des Produkts so hoch wie möglich treiben und zeitgleich das Verlangen der Konsumenten steigern, sodass diesen keine Wahl in ihrer Entscheidung bleibt: Kaufen ist das Motto. Bedingungsloses kaufen und abwerben der Kunden von der Konkurrenz. Paybackkarten von Konzernzusammenschlüssen gaukeln den Menschen vor, dass es Vorteile hat, ein Produkt von Microsoft zu erwerben und gleichzeitig Bonusmeilen bei einem Flugunternehmen zu sammeln. Bonusprozente werden versprochen, wenn man zum Feind wechselt. Team Advantage und US Alliance vereinen die Konzerne unter ihren Dächern.
Ganz so weit ist es noch nicht gekommen, doch ist die Vorstellung weit von der Wirklichkeit entfernt? Max Barry spitzt die Situation zu. Fast hat es etwas Karikatives und Satirisches. Die Nutzung der Namen echter Firmengröße wie Nike, Microsoft oder IBM lassen den Roman sehr bodenständig wirken. Die Welt hat sich weitergedreht. Die Welt ist amerikanisiert. Die EU ein fahler Fleck auf dem Globus. Die Staatsgewalt ist bankrott, Polizei und Armee sind privatisiert und korrupt. Das Leben auf dem Planeten Erde dreht sich nur um eines: Macht und Geld. Angestellte werden nach dem Arbeitgeber benannt. John Nike, Sarah Microsoft, Simon McDonald‘s, Peter Langnese. Der Rettungsdienst rückt nur bei gültiger Kreditkarte aus. Wer pleite ist, kommt unter die Räder. Die Regierung steht dem machtlos gegenüber. Steuern gibt es nicht mehr. Sie kann nur handeln, wenn ein Geldgeber ihnen den Auftrag erteilt. Die Obrigkeit - eine Alibiinstitution, die nicht sterben will.

Irgendwo in diesem Fanatismus haben sich zwei Typen aus Nikes Guerilla Marketing eine Promotionaktion ausgedacht. Schuhe im Wert von 85 Cent herstellen und für 2500 Dollar verkaufen. Nur wie unter die Leute bringen? Simpel: 10 Teenager erschießen, dann fahren die Menschen drauf ab. Wenn für ein Produkt gemordet wird, muss es schließlich etwas wert sein. Hack Nike kommt ihnen da gerade recht. Hack arbeitet als Merchandise Distribution Officer. Er nimmt den Aufstiegsjob ins Marketing dankend an. Als er erfährt, dass er Pubertierende abknallen soll, bekommt er Muffensauen. Er übergibt den Auftrag an die Polizei. Doch auch diese möchte sich nicht die Finger schmutzig machen und gibt den Job an die amerikanische Waffenlobby, die NRA (National Rifle Association) ab. Die Situation eskaliert und führt zu einem scharfen Krieg zwischen den Konzernen und der Regierung, als Agentin Jennifer Government die Ermittlung aufnimmt. Sie hat eine alte Rechnung zu begleichen.

Habt ihr, liebe Leser, in aktuellen Filmen auf die Kameraführung geachtet? Rasante Schnitte, aneinandergereihte Szenen und voilà, ein actiongeladener Kampf. Max Barry zieht das Tempo von der ersten Seite an und springt rapide zwischen Charakteren und Schauplätzen hin und her. Spiegelt dies die Schnelllebigkeit der Wirtschaft wieder? Die Entscheidung überlasse ich euch. Auf jeden Fall wird das Gefühl vermittelt, dass weltweit stets irgendetwas passiert, Pläne geschmiedet, Information über Firmenverkäufe als Gefallen an Bekannte weitergegeben werden, um sich noch schnell Aktien zu sichern. Die Globalisierung pulsiert und droht fast zu bersten. Das Leben in dieser Welt breitet sich vor dem geistigen Auge lebendig und verstörend aus, währenddessen versucht ihr fieberhaft an den Charakteren dran zu bleiben. Mit den rasanten Sprüngen ist es nicht einfach den Figuren zu folgen, zumal diese regelmäßig um den Globus jetten. Kein Wunder, dass die Charaktere nicht ans Herz wachsen. Sie erfüllen ihren Zweck als Symbol, als Ausschnitt jener Menschen, die verzweifelt versuchen, die Karriereleiter zu erklimmen oder von Tag zu Tag leben - überleben.

Max Barrys Dystopie verzichtet auf jegliche Wertung, Moral oder erhobenen Finger. Der Autor bringt die Story pointiert über die Ziellinie und liefert einen fantastischen Nervenkitzel ab, der vielleicht einmal unsere Wirklichkeit widerspiegeln wird; wer weiß das schon?

Fazit

Eine Zukunft, die vorstellbar und beängstigend ist, breitet sich als allgegenwärtiges Monstrum aus, um den Verstand des Lesers zu verschlingen. Figurentiefe braucht »Logoland« nicht, das Setting, die Schnelllebigkeit der Welt und die sich kreuzenden Wege der Figuren kreieren einen einnehmenden Lesespaß.

4 von 5 Punkten

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