Dienstag, 4. August 2015

Rezension: Blutsbrüder (Ernst Haffner)

Aufbau Taschenbuch
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7466-3069-4  
9,99 €


Ein kurzer Einblick

Die Blutsbrüder sind eine Jugendbande in Berlin, deren Mitglieder wie viele andere Jugendliche Anfang der 1930er Jahre aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in Berlin auf der Straße leben. Sie versuchen dort zu überleben. Doch da Arbeit insbesondere für Minderjährige schwierig zu finden ist, geht dies leider häufig nur mit Kriminalität oder Prostitution. Dass sie bei allem zusammen halten, ist der große Vorteil der Bande. Doch auch bei ihnen finden sich stillschweigend andere Vorstellungen…

Bewertung

Man kann dem Verlag Aufbau nur danken, dass er diesen Roman 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wiederentdeckt und den Lesern zugänglich gemacht hat. Ernst Haffner verarbeitet im Werk seine Erlebnisse als Journalist und Sozialarbeiter in der Zeit von 1925 bis 1933. Nicht nur, weil das 1932 unter dem ursprünglichen Titel „Jugend auf der Landstraße Berlin“ erschienene Werk von den Nazis verboten wurde und von Ernst Haffner nach 1938 jede Spur fehlt, ist dieses Werk lesenswert, sondern auch, weil es eine reale Thematik behandelt, von der heute nur wenige Zeugnisse existieren.
Der Roman lässt den Leser abtauchen in eine Welt des Elends. Er erlebt das Leben von Jungen, die aus brutalen Erziehungsanstalten oder vor prügelenden Eltern geflohen sind und sich nun auf der Straße durchschlagen müssen, um etwas Freiheit genießen zu können. Der Leser erfährt unmittelbar den Kampf um Freiheit, als höchstes Gut, für das die Jungen alles geben würden, erlebt aber auch das Scheitern an diesem Ideal. Zudem verdeutlicht der Roman eindrücklich, wie das Leben der Jungen dadurch bestimmt ist, sich etwas zu essen leisten zu können und der Kälte auf der Straße zu entgehen. Das Leben der Blutsbrüder ist durch die Suche nach Geld, Aufenthalts- und Schlagmöglichkeiten geprägt. Dabei befinden sie sich in der Misere, dass sie sich auf Grund von Straftaten oder der Flucht aus Erziehungsheimen nicht amtlich melden können und ihnen somit im Grunde nichts anderes übrig bleibt, als ihr Leben auf illegale Weise zu bestreiten. Aus dieser Misere gibt es scheinbar kein Entrinnen und selbst mit guten Absichten ist es den Mitgliedern der Bande nicht möglich, redlich ihr Geld zu verdienen. Dies führt dazu, dass sie nach und nach immer mehr in die Kriminalität abdriften.
Das einzige, was die Bande hat, ist sie selbst. Der Roman schildert eindrücklich, wie die Bandenmitglieder füreinander eintreten und sich umeinander kümmern. Doch das bedeutet auf der anderen Seite auch, dass der Bande nicht ohne weiteres zu entkommen ist und dass man sich dem Bandenführer unterordnen muss. Bei aller Freundschaft gehen mit der Mitgliedschaft in der Bande auch Verpflichtungen einher. Das führt dazu, dass Andersdenkende lieber schweigen und es nur nach außen so scheint, als ob die Bande immer zusammenstehen würde.
So lernt man im Roman zwei Bandenmitglieder und ihre Lebensumstände genauer kennen und erkennt schnell, dass die Bande nicht nur Vorteile hat, wenn man andere moralische Vorstellungen hat als der Bandenchef. Im Grunde sind Ludwig und Willi die Helden des Romans, mit denen man mitfühlt und für die man auf eine bessere Zukunft hofft. Die anderen Bandenmitglieder und Charaktere sind eher blass. Sie werden dem Leser kaum näher gebraucht, so dass man auch nicht wirklich mit ihnen mitfühlen kann. Dies ist insgesamt ein Manko des Romans. Die Handlung ist sehr distanziert beschrieben, so dass wenig Anreize geboten werden, in den Roman einzutauchen und sich mit den Figuren zu identifizieren. Dies führt auch dazu, dass man am Ende auch nicht wirklich schade darum ist, nicht zu erfahren, wie es mit allen Bandenmitgliedern weiter geht.

Fazit

„Blutsbrüder“ ist eine wichtige Romanwiederentdeckung, die eine Thematik behandelt, für die es wenig historische Zeugnisse gibt. Der Leser erlebt eindrücklich den Drang nach Freiheit, die Rolle von Freundschaft und die Misere der Kriminalität. Zudem zeigt der Roman, dass es auch in scheinbar ausweglosen Situationen immer Alternativen gibt und andere moralische Vorstellungen sich durchsetzen können. Leider besticht der Roman jedoch durch den neutralen Erzählstil des Journalisten Ernst Haffner.

3,5 von 5 Punkten

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