Freitag, 3. Juli 2015

Rezension: Tanz unter Sternen (Titus Müller)

Heyne Verlag
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-453-40997-2
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Nele Stern, die in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, träumt schon lange von einer Karriere als Tänzerin, doch ihr erster großer Auftritt im Berliner Wintergarten kommt beim Publikum gar nicht an. So beschließt sie auszuwandern, sie kann sich gerade noch ein Ticket für die 3. Klasse auf der Titanic leisten. Dort trifft sie auf den Pastor Matheus Singvogel, der mit Frau und Sohn auf dem Weg zu einem Vortrag in den USA ist. Auch versucht er seiner Frau Cäcilie, die aus vornehmen Verhältnissen stammt, ein wenig Luxus und Abenteuer zu bieten. Diese wird jedoch vom attraktiven Lyman Tindale umgarnt, der sich als britischer Spion entpuppt, der Informationen zu deutschen Kriegsaufrüstungen sammelt. Doch dann rammt die Titanic einen Eisberg und die Katastrophe nimmt ihren Lauf...

Bewertung

Ich interessiere mich wirklich schon sehr lange für die Titanic, spätestens, seitdem ich in meiner frühen Jugend die Verfilmung von James Cameron gesehen habe, die lange einer meiner Lieblingsfilme war, und habe bereits einige Sachbücher zum Untergang der Titanic gelesen. Da wollte ich mich natürlich auch einmal Müllers Roman zur Titanic-Katastrophe widmen, dessen neuestes Werk „Berlin Feuerland“ mir sehr gut gefallen hatte. Hier wird die Überfahrt der Titanic wesentlich stärker in den Kontext ihrer Zeit eingebunden, als dies etwa im Film von Cameron passiert. Die gesamte Geschichte wird in den Kontext der Aufrüstung in Europa vor dem 1. Weltkrieg gestellt, in die gegenseitige Spionage, den Aufbau des Secret Service in Großbritannien und die wirtschaftliche Situation in Europa vor Kriegsausbruch und die Finanzierung der Kriegsaufrüstungen in den verschiedenen beteiligten Ländern. Auch die Jahre nach der Titanic-Katastrophe werden im letzten Teil des Buches noch behandelt, das schließlich im Jahre 1925 endet. Das Buch fokussiert sich demnach nicht nur auf die Titanic-Katastrophe, sondern ordnet diese in einen größeren Rahmen ein, was ich für einen sehr interessanten Ansatz halte.
Leider gelingt dieser dem Autor nicht immer. Das Buch lässt sich durchweg sehr gut und auch spannend lesen, doch die Handlung an sich weist einige Schwächen auf. Vor allem die gesamte Spionagegeschichte empfand ich als etwas weit hergeholt und oftmals übertrieben und unrealistisch. Auch die Darstellung der letzten Jahre der Geschichte war ziemlich schwach, sie wurden sehr abgehackt geschildert, nur schnell zusammengefasst, es gab gar keine richtige Story mehr. Der 1. Weltkrieg wird auch kurz erläutert, allerdings sehr oberflächlich, ungefähr auf Schulniveau, nur die allgemein bekannten Fakten werden erwähnt, ohne jegliche Tiefe. Dies betraf ebenso die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die genauso schwach kurz zusammengefasst wird. Ein Problem der Geschichte sind außerdem die sehr oberflächlichen Charaktere, die oftmals sehr unrealistisch handeln, wenig sympathisch sind und den Leser einfach kalt lassen, obwohl sie um ihr Leben kämpfen müssen. Der Sohn der Singvogels, Samuel, berührte mich noch am meisten, wie er auf der Titanic endlich einen Freund – wenn auch einen moralisch nicht einwandfreien – findet, unter den Streitereien seiner Eltern leidet und oftmals von diesen vernachlässigt wird. Zu allen anderen konnte ich keine Beziehung aufbauen, vor allem weil sie eben sehr unrealistisch handeln, etwa Matheus, als er von der Untreue seiner Frau erfährt, und zum Teil klischeehaft gezeichnet sind.
Konnte mich die fiktive Handlung auch nicht überzeugen, so muss ich zumindest die Darstellung der historischen Fakten loben, die gut recherchiert und auch sehr authentisch wiedergegeben wurden. Man erhält wieder einen anschaulichen Einblick ins Berlin der 1910er Jahre und kann zumindest wirklich in diese Zeit abtauchen. Nach der Geschichte gibt es auch noch einige Erläuterungen zu deutschen Passagieren auf der Titanic, ihren Bauumstände, den verschiedenen Gründe für ihren Untergang, außerdem zum Wettrüsten vor dem Krieg, zur Inflation in Deutschland, angeheizt durch Frankreich und Großbritannien, und zum Secret Service. Man erfährt ein wenig zum Vater von Cäcilie, Ludwig Delbrück, den es wirklich gab. Dabei habe ich durch Zufall entdeckt, dass der Wikipedia-Artikel zu seiner Person sich oft wortwörtlich mit den Erläuterungen im Buch deckt. Wer nun wessen Quelle ist, kann ich nicht beurteilen, etwas seltsam wirkt dies aber doch schon. Seine Tochter Cäcilie scheint dann fiktiv zu sein, dies wird aber leider nicht erläutert, was in „Berlin Feuerland“ geschickter und verständlicher gemacht wurde. Der historische Teil überzeugt somit durchaus, die Handlung weist leider einige Schwächen auf und wird nicht gut in die historischen Umstände eingebettet. Nach dem Untergang der Titanic hätte das Buch zu Ende sein sollen, das hätte uns den letzten, sehr schwachen Teil erspart.

Fazit

Ich ging mit einigen Erwartungen an die Lektüre heran, wurde aber leider etwas enttäuscht. Der Ansatz des Autors war grundsätzlich sehr gut, sich nicht nur auf den Untergang der Titanic zu fokussieren und sie stärker in die Entwicklungen ihrer Zeit einzubetten. Doch die Handlung, die rund um die Jungfernfahrt des damals größten Schiffs der Welt herumgebastelt wurde, konnte mich selten überzeugen. Man kann bei Interesse an der Thematik des Buches den Roman durchaus lesen, muss sich aber auf eine eher seichte Handlung und schwache Charaktere einstellen.

3 von 5 Punkten

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