Donnerstag, 9. Juli 2015

Rezension: A History of Loneliness (John Boyne)

Doubleday
Taschenbuch, 384 Seiten
ISBN: 978-0857520951
14,95 € (Stand: 09.07.2015)

Ein kurzer Einblick

Bereits als Kind verliert Odran Yates seinen Vater und seinen kleinen Bruder bei einem Badeurlaub der Familie. Seine Mutter flüchtet sich in ihren Glauben und sieht ihren verbliebenen Sohn zum Priester berufen. So beginnt Odran 1973 seine Ausbildung am renommierten Dubliner Clonliffe Seminary, widmet sich voller Elan seinen Studien, findet in Tom Cardle einen Freund fürs Leben und darf sogar seine Ausbildung in Rom beenden. Jahrzehntelang unterrichtet er am Terenure College, doch sein Vertrauen in die katholische Kirche nimmt stetig ab, wird diese doch seit den 1990er Jahren durch die Aufdeckung unzähliger Missbrauchsfälle durch Priester erschüttert, bis plötzlich auch Tom angeklagt werden soll…

Bewertung

Ich habe mittlerweile fast alle Bücher von John Boyne gelesen, der zur Zeit definitiv zu meinen Lieblingsautoren gehört. Mit dem Weltbestseller „Der Junge im gestreiften Pyjama“ hat alles angefangen, viele sehr gute Werke von ihm folgten, die jedoch an seinen Welterfolg nicht heranreichen konnten, doch mit „A History of Loneliness“ ist Boyne wieder ein kaum zu toppendes Werk gelungen. Ich habe seit Jahren nicht mehr so ein überzeugendes Buch von ihm gelesen. Es ist ein wenig kompliziert aufgebaut, da die Handlung nicht chronologisch erzählt wird, sondern zwischen den einzelnen Jahrzehnten immer wieder hin- und herspringt. Einen Schwerpunkt bilden dabei die 1970er und die 2000er Jahre, doch auch die Jahrzehnte dazwischen spielen eine Rolle. Die Geschichte spitzt sich immer mehr zu und die Wahrheit kommt immer stärker zum Vorschein, was zur großen Spannung, die diesen Roman ausmacht, beiträgt. Er ist außerdem nicht so vorhersehbar wie viele andere Werke von Boyne, man weiß natürlich, auf welches Thema das Buch zu sprechen kommen wird, allein auch durch den Buchrücken, doch wo die Geschichte gegen Ende hinsteuert, ist nicht von Anfang an klar.
Boyne widmet sich einer äußerst bewegenden und erschütternden Thematik: des sexuellen Missbrauchs an Kindern durch Priester der katholischen Kirche in Irland, wobei auch wahre Begebenheiten mit in das Buch einbezogen wurden. Dabei setzt er sich sehr einfühlsam und differenziert mit dem Thema auseinander. Es findet keine Verteufelung der Täter und kein alle Priester unter Generalverdacht stellen statt. Sowohl Täter als auch Opfer kommen im Buch zu Wort, wenn auch immer aus der Sicht von Odran Yates, aus dessen Blickwinkel die gesamte Handlung erzählt wird. Sehr gut werden dabei auch das Leben von katholischen Priestern und ihr Verzicht auf natürliche Bedürfnisse herausgestellt und die Figur von Odran Yates als der vermeintlich gute Priester genutzt, der an seine Kirche glaubt und nur versucht, Gutes zu tun, um dessen eigene Schuld darzustellen, verursacht durch sein Schweigen, sein Wegsehen, das sich durch die gesamte Kirche zog, die sich nicht mit der Thematik auseinandersetzen wollte und auffällige Priester schlichtweg in eine andere Gemeinde versetzte, als würde dies das Problem in irgendeiner Form lösen. Boyne ist somit ein ganz wichtiges Werk gelungen, voller Traurigkeit, Melancholie, aber auch Hoffnung durch den Appell an uns alle, Missstände jeglicher Art anzuzeigen, nicht wegzusehen, denn auch unser Schweigen macht uns mitschuldig. Gleichzeitig wirbt er für einen differenzierten Umgang mit solch einer intensiven Thematik, nicht alle Priester sollen verdammt werden und unter Generalverdacht gestellt werden.
Somit kann ich eigentlich nichts an diesem Roman aussetzen, zu Beginn hat er ein paar kleinere Längen, doch ansonsten ist Boyne ein herausragendes Gesamtwerk gelungen, das durch den sehr passend gewählten Einband und die Doppeldeutigkeit des Titels stimmig abgerundet wurde. Er liegt bisher nur in englischer Originalausgabe vor, wird aber im Oktober bei Piper auch auf Deutsch erscheinen.

Fazit

Nach „Der Junge im gestreiften Pyjama“ für mich John Boynes bisher bestes Buch, das sich angemessen mit seiner sehr komplexen und schwierigen Thematik auseinandersetzt und den Leser zutiefst erschüttert und berührt. Es wirkt noch sehr lange nach der Lektüre nach, lässt einen über seinen eigenen Umgang mit dem Ansprechen von Missständen nachdenken, während man hofft, in entsprechenden Situationen selbst mutiger als Odran Yates zu sein. Ein ganz wichtiges Buch!

4,5 von 5 Punkten

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