Sonntag, 5. Juli 2015

Rezension: Blutrot (Jack Ketchum)

Heyne
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-453-67556-8
8,95 €

eBook, 7,99 €
ISBN: 978-3-641-03281-4


Ein kurzer Einblick

Avery Ludlow ist ein friedlicher Mensch, der ein ruhiges Leben führt, einen Laden besitzt und das Angeln mit seinem Hund Red genießt. Waffenöl und der Lauf einer Schrotflinte in den Händen überheblicher Jugendliche stören den Waldduft, das Rauschen des Flusses. Kurz darauf liegt Red tot im Gras. Ludlow besaß nichts, was sich zu stehlen lohnte, der alte Mann musste bestraft werden. Red war ein treuer Hund. Ein treuer Gefährte an der Seite von Avery. Ludlow sieht rot, blutrot.

Bewertung

Wem darf ich die falsche Erwartungshaltung vorwerfen? Heyne? Dem Marketing? Mir, weil ich mich nicht gründlich informierte? Erschienen bei Heyne Hardcore, bluttriefendes Cover, blutversprechender Titel und der Name eines Autors, der im Buchladen neben Richard Laymon steht. Avery Ludlow mag blutrot sehen, aber dies spiegelt sich keineswegs im Roman wieder. Der englische Titel lautet »Red«. Red ist der Name von Ludlows Hund. Eine Übersetzung des Titels im Kontext liegt nicht vor. Die Aufmachung des Buches ist irreführend, die Erwartungshaltung weitestgehend festgelegt. Glücklicherweise wird die Täuschung nach der Eröffnungssequenz recht schnell deutlich, sodass man sich auf das seichte Psychodrama einlassen kann.

Seicht trifft es in der Tat sehr gut. »Blutrot« ist ein Roman der sanften Töne, ruhig inszeniert mit einem feinen Gespür für Dramatik. Diese setzt sich aus dem Schicksal von Avery Ludlow und der Willkür und Bedrohlichkeit von Menschen zusammen, die Macht kaufen können. Die Jugendlichen, die Ludlows Hund erschossen, sind reiche Kinder eines einflussreichen Vaters. Geld spielt kaum eine Rolle, Beziehungen regeln Unannehmlichkeiten. Avery Ludlow ist nur sein Leben, der Hund und ein Schicksal schwerer Rückschläge geblieben, die ihn in Alpträumen plagen. Das Einzige, was er möchte, ist Gerechtigkeit. Anfangs hätte ihm eine Entschuldigung genüge getan. Als er diese nicht bekommt, redet er den Mördern ins Gewissen, versucht Anklage zu erheben und an die Medien heranzutreten. Langsam, aber beharrlich, schaukelt sich die Situation hoch, bis sie in einem großen Showdown gipfelt. Erst hier dürfte die ursprüngliche Erwartungshaltung endlich bedient worden sein.

Mit der Psychoanalyse der Charaktere erschütternde Romane zu schreiben, die wirklich unter die Haut gehen, mag kein einfaches Unterfangen sein, eine Entschuldigung für Durchschnitt darf dies aber auch nicht sein. Ludlow ist ein fein ausgearbeiteter Charakter, die reichen Schnösel werden ebenfalls weitestgehend analysiert - nicht tiefgreifend, aber vollkommen ausreichend. Dennoch vermag der Roman zu keiner Zeit unbarmherzig zu fesseln. Dafür dümpelt die Story zu sehr vor sich hin. Die Handlung tritt auf der Stelle. Immer wieder redet Ludlow mit den Mördern - ohne Erfolg. Ab und an besucht er den Sheriff und Staatsanwalt - ohne Erfolg. Allein die wenigen Ausnahmen, wenn Avery versucht gnadenlosere Maßnahmen zu ergreifen, zieht die Dramatik an. Höhen und Tiefen sind vergeblich zu suchen. Zu trivial liest sich die Story. Um ein tiefgreifendes Psychodrama aufzubauen, fehlt es den Figuren dann doch an Tiefe und Persönlichkeit.

Fazit

Die Grundzutaten für ein einfaches und geradliniges Drama eines vom Schicksal gebeutelten Mannes sind alle enthalten. Leider schafft es Jack Ketchum nicht die richtigen Schrauben zu drehen, um einen erschütternden Roman zu schreiben. So treibt »Blutrot« zwischen blutigen Thrillern und Psychodrama hin und her ohne sich entscheiden zu können.

3 von 5 Punkten

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