Mittwoch, 8. Juli 2015

Rezension: Beim Häuten der Zwiebel (Günter Grass)

dtv
Taschenbuch, 479 Seiten
ISBN: 978-3-423-13655-6
9,90 €


Ein kurzer Einblick

In „Beim Häuten der Zwiebel“ erzählt Günter Grass von sich selbst. Er berichtet über die Zeit vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, für den er sich freiwillig meldete, bis zum Erscheinen seines wohl bekanntesten Werks, „Die Blechtrommel“. Der Leser erlebt das Ende Grass‘ Kindheit, seine Zeit im Kriegsgefangenenlager und wie er sich schließlich vollständig der Kunst widmet, ohne sich jedoch recht entscheiden zu können…

Bewertung

Schon bevor „Beim Häuten der Zwiebel“ 2006 erschien, sorgte eine Episode des Buches für Furore. Günter Grass berichtet im Buch zum ersten Mal, dass er mit 17 Jahren der Waffen-SS angehört hatte. Dies wurde bereits vor Erscheinen des Buches bekannt gegeben und führte somit zu einer Debatte über Grass‘ moralische Rolle im Nachkriegsdeutschland. Da sich Grass in der Debatte, die sich auch um das späte Bekanntgeben rankte, reuig zeigte, ebbte die Diskussion allerdings nach kurzer Zeit wieder ab. Es wäre auch dem Buch in keinster Weise gerecht gewesen, hätte man einzig diese kurze Sequenz wahrgenommen.
„Beim Häuten der Zwiebel“ ist ein beeindruckend reflektiertes autobiografisches Werk, bei dem der Leser nicht nur Günter Grass und seine Werke besser kennenlernt, sondern noch einmal einen ganz anderen und sehr nahen Zugang zur deutschen Geschichte erhält. Obwohl der Leser von dem Erzähler Günter Grass nichts gewohnt ist, das nicht herausragend wäre, ist man doch davon angetan, mit welcher Selbstkritik und Reflexion Grass insbesondere sein Verhalten und die Geschehnisse vor dem Zweiten Weltkrieg beschreibt. Er versucht keineswegs Ausflüchte für sein Verhalten als Jugendlicher zu finden, sondern setzt sich in beeindruckender Art und Weise mit seinen Versäumnissen auseinander und gesteht sich selbst falsches Verhalten ein. Das Buch ist in solch einer Ehrlichkeit geschrieben, dass der Leser vor so viel Offenheit nur den Hut ziehen kann.
Die folgenden Erzählungen über Grass‘ Zeit als Soldat, über seine Verwundung und die Zeit im Kriegsgefangenenlager sind zugleich ergreifend und spannend. Gemeinsam mit den Erzählungen über die Besatzungsjahre lassen sie den Leser die deutsche Geschichte noch einmal eindrücklicher erleben. Am Beispiel Günter Grass‘ erfährt der Leser, mit welchen Hürden und Problemen die Menschen nach dem Krieg konfrontiert waren, und zittert mit Grass, als er sich auf die Suche nach seiner Familie macht. In den Erzählungen zu dieser Zeit öffnet sich Grass sehr dem Leser, so dass dieser stark mit ihm fühlen kann.
Bei den Erzählungen dazu, wie Günter Grass schließlich zur Kunst fand, ist der Leser dann wieder etwas außen vor, so dass sich hier auch eins, zwei Längen finden. Insgesamt lernt man Grass in diesem Buch jedoch sehr gut kennen und da er immer wieder Verbindungen zur Gegenwart schlägt, bleibt dieses Kennenlernen auch nicht nur auf die Zeit bis 1960 beschränkt. Das faszinierende am Buch ist zudem, dass Grass immer wieder spannende, traurige oder witzige Geschichten erzählt und im Anschluss aufzeigt, wie er diese Gegebenheit in einem seiner Werke verarbeitet hat. Dadurch lernt der Leser zugleich das Werk Günter Grass‘ besser kennen und möchte am liebsten direkt mit dem Lesen eines weiteren Werkes beginnen.

Fazit

„Beim Häuten der Zwiebel“ ist ein beeindruckend reflektiertes autobiografisches Werk Günter Grass‘, das den Leser den Literaturnobelpreisträger besser kennen lernen lässt. Grass gibt sich sehr offen. Zugleich erhält der Leser quasi nebenbei einen Einblick in Grass‘ Werke und die Geschichte Deutschlands, so dass er am Ende fast traurig ist, dass das Werk 1960 endet und kein weiteres autobiografisches Werk über Grass‘ Zeit nach 1960 existiert.

4,5 von 5 Punkten

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