Sonntag, 19. Juli 2015

Rezension: Am grünen Rand der Welt (Thomas Hardy)

dtv
Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-423-14401-8
9,90 €

Ein kurzer Einblick

Thomas Hardys erster bekannter Roman spielt im Südwesten Englands um 1870 und erzählt von der 20jährigen Bathsheba Everdene, die von ihrem Onkel eine große Farm erbt und beschließt, diese selbstständig zu führen. Sie liebt ihre Unabhängigkeit und kann sich lange Zeit nicht zur Heirat entschließen, obwohl sie gleich von drei Männern umworben wird. Den Schäfer Gabriel Oak, der nach dem Verlust seiner Schafe für sie arbeiten muss, weist sie früh zurück, ebenso den wohlhabenden Gutsbesitzer William Boldwood, der um einiges älter ist als sie. Dann trifft Bathsheba jedoch auf den attraktiven, aber auch gerissenen Soldaten Frank Troy, der sie in seinen Bann zieht…

Bewertung

Ich hatte bisher von Thomas Hardys Werken bloß „Tess“ gelesen, was mich wirklich begeistert hat, so dass ich nun die gerade im Kino angelaufene aktuelle Verfilmung von „Am grünen Rand der Welt“ zum Anlass nahm, mir auch einmal dieses Werk vorzunehmen. Es wurde vor „Tess“ veröffentlicht, war Hardys erster größerer literarischer Erfolg und spielt um 1870 in Dorset im Südwesten Englands, wenn Hardy diese Gegend in seinen Büchern auch „Wessex“ nannte. Wie bereits bei „Tess“ widmet sich Hardy sehr ausführlich der Schilderung der damaligen Landwirtschaft in der Provinz, die zwar noch nicht im Zeichen der sich überall durchsetzenden Industrialisierung steht, aber sich allmählich wandelt und moderner wird. Man erhält einen guten Einblick in die Arbeit auf den Feldern, mit den Tieren auf einer Farm und sieht die grüne, blühende Landschaft Südenglands durch die ausführlichen Beschreibungen vor seinem geistigen Auge auferstehen und sich selbst ins viktorianische Zeitalter zurückversetzt. Dies gelingt dem Autor bereits ebenso gut wie später bei „Tess“, doch leider weist die Handlung an sich ein paar Schwächen auf.
Sie widmet sich zwar wie auch bei „Tess“ einer Frau als Hauptfigur, die sehr modern für ihre Zeit lebt. Sie führt ihre eigene Farm, was damals eindeutig eine Männerdomäne war, und wird nicht von ihrer Familie mit einem passenden Kandidaten verheiratet, sondern sucht sich ihren Mann selbst aus. Allerdings führt ihre Unabhängigkeit auch dazu, dass sie zum Teil durch ihren abweisenden Umgang mit Männern unsympathisch wirkt, da sie diese nicht einfach nur zurückweist, sondern auch etwas mit ihren Gefühlen spielt. Sicherlich soll dies auch ihre allmähliche Wandlung, die sie im Laufe des Romans vollzieht, verdeutlichen, doch es führt lange Zeit dazu, dass ich ihre Handlungen selten nachvollziehen konnte und recht gleichgültig ihr und ihrem Schicksal gegenüber verblieb. Dazu kommt, dass die Handlung leider oftmals durch sehr unrealistische Ereignisse oder Entscheidungen der Hauptcharaktere vorangetrieben wird, was zumindest gegen Ende ein wenig besser wird, die Geschichte jedoch wenig realitätsnah erschienen lässt. Zu Beginn ist sie außerdem sehr, sehr langatmig, auch aufgrund der sehr ausufernden Landschafts- und Situationsbeschreibungen. Es entsteht eher selten ein wirklicher Erzählfluss, da vor allem zum Anfang hin die Ereignisse nur sehr knapp und abgehackt dargestellt werden. Insgesamt hatte ich mir etwas mehr erwartet, doch zumindest die Figur des Gabriel Oak war ein Lichtblick, den man von der ersten Seite an lieb gewann und den man sehr gern bei all seinen Hochs und Tiefs begleitete.

Fazit

Für mich reichte Thomas Hardys erster größerer Roman nicht an das wirklich gelungene „Tess“ heran, da vor allem die Handlung an sich ein paar Schwächen aufweist. Sieht man über diese hinweg, kann man zumindest eindrucksvoll ins landwirtschaftliche England des Viktorianischen Zeitalters zurückversetzt werden und eine abwechslungsreiche Liebesgeschichte erleben.

3,5 von 5 Punkten

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