Montag, 27. Juli 2015

Filmkritik: Am grünen Rand der Welt


Vorletzte Woche kam die neue Verfilmung von Thomas Hardys „Am grünen Rand der Welt“ in die deutschen Kinos, die ich mir natürlich sofort ansah, nachdem ich gerade erst die Buchvorlage dazu gelesen hatte. Regie führte diesmal der Däne Thomas Vinterberg und das Drehbuch lieferte der englische Autor David Nicholls. Der Film setzt wie der Roman im englischen Dorset des Jahres 1870 ein und erzählt von der 20jährigen Bathsheba Everdene (Carey Mulligan), die von ihrem Onkel eine große Farm erbt und – damals eher ungewöhnlich für eine Frau – beschließt, diese selbst zu führen. Doch Bathsheba liebt ihre Unabhängigkeit und kann sich lange Zeit auch nicht zur Heirat entschließen, obwohl sie von drei Männern umworben wird. Den mittellosen Schäfer Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts), der nach dem Verlust seiner eigenen Schafe auf ihrer Farm arbeiten muss, weist sie früh zurück, ebenso den wohlhabenden Gutsbesitzer William Boldwood (Michael Sheen), der um einiges älter ist als sie und ihr komplett verfallen ist. Dann trifft Bathsheba jedoch auf den attraktiven, aber auch gerissenen Soldaten Frank Troy (Tom Sturridge), der sie in seinen Bann zieht…

Der Film hält sich durchweg sehr nah an die Buchvorlage, die grundsätzliche Geschichte und die meisten wichtigen Szenen des Romans sind sehr buchgetreu wiedergegeben, oftmals wurden auch ganze Dialoge fast wortwörtlich aus dem Buch mit in die Verfilmung übernommen. Ein paar Szenen, die im Buch nur im Nachhinein erwähnt werden, werden im Film dargestellt, wie etwa der erste Kuss zwischen Bathsheba und Troy und Bathshebas Hochzeit (mit wem soll nicht verraten werden). Auch wurde die gesamte Geschichte um Troy und seine frühere Liebe Fanny und sein zwischenzeitliches Verschwinden ein wenig geändert und gekürzt. Der Film konzentriert sich auf die Ereignisse auf der Farm, was Troys späteres Wiederauftauchen etwas unklar macht, ansonsten aber nicht weiter stört. Vor allem das Ende wurde im Verhältnis zum Roman deutlich dramatischer und auch leidenschaftlicher gezeichnet, als Bathsheba schließlich endlich mit dem einen richtigen Mann zusammen kommt. Auf die Hochzeit aus dem Buch wurde in der Verfilmung schließlich verzichtet, doch auch so gefiel mir das Filmende sogar besser als das im Buch, da es wesentlich rührender ausfiel.
Die Verfilmung hält sich somit insgesamt sehr nah an die Handlung des Buches, was ihr leider ein wenig den Fluss nimmt. Es werden zu stark die einzelnen wichtigen Szenen des Romans aneinandergereiht und zu wenige eigene filmische Akzente gesetzt. Dem Film fehlt es eindeutig an Eigenständigkeit. Es ist ja einerseits gut, die wesentlichen Aspekte eines Buches auch in einer Verfilmung herauszustellen, doch andererseits ist eben ein Film ein anderes Medium, das sich eine gewisse Freiheit und Losgelöstheit von seiner Buchvorlage erlauben sollte. Sicherlich vergleiche ich auch zu stark Buch und Film, gerade, da ich den Roman direkt vor dem Ansehen der Verfilmung gelesen habe. Hat man das Buch nicht mehr konkret oder gar nicht im Kopf, bekommt man doch einen sehr sehenswerten Film geboten, voll toller Kulissen und beeindruckender Landschaftsaufnahmen, die den Zuschauer für zwei Stunden ins landwirtschaftliche England des 19. Jahrhunderts zurückversetzen. Zusätzlich berührt der Film viel stärker als das Buch, das typisch für seine Verfassungszeit wirkliche Leidenschaft komplett aussparte. Dazu tragen auch die fast durchweg sehr gefühlvoll spielenden Schauspieler bei, wobei mir insbesondere Matthias Schoenaerts sehr gut gefallen hat, der mir bereits in „Die Gärtnerin von Versailles“ sehr positiv aufgefallen ist. Auch Carey Mulligan empfand ich als sehr treffende Besetzung für Bathsheba Everdene, die ihre anfängliche Jugendlichkeit und Unbekümmertheit wie auch Bathshebas Erwachsenwerden im Zuge ihrer Tätigkeit als Farmbesitzerin und aufgrund ihrer privaten Erfahrungen sehr überzeugend darstellt. Nur Tom Sturridge war für mich nicht die passende Besetzung für Troy. Wie sollte dieser schmale Hänfterling eine Frau wie Bathsheba für sich gewinnen? Dies mag aber auch an der Rolle an sich liegen, denn bereits im Buch wirkt die Leidenschaft, die Bathsheba plötzlich für Troy empfindet, nicht überzeugend und ziemlich weit hergeholt.

Fazit

Thomas Vinterberg ist ein klassischer Englandfilm des 19. Jahrhunderts gelungen, der an die unzähligen Verfilmungen von Werken von Thomas Hardy, aber eben auch von Jane Austen oder den Brontës, erinnert. Der Buchvorlage bleibt der Film weitestgehend treu, leider ohne viele eigene Akzente zu setzen. Doch dank der insgesamt sehr überzeugenden Schauspielern wird eine fesselnde und rührende Liebesgeschichte dargestellt, die dem Buch einiges an Gefühl und Leidenschaft voraus hat. Wer die Romanvorlage nicht kennt, kann den Film sicherlich noch mehr als ich genießen, er lässt den Zuschauer wunderbar ins provinzielle England des 19. Jahrhunderts abtauchen.

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