Mittwoch, 17. Juni 2015

Rezension: Napoleon. Der Untergang (Munro Price)

Siedler Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 464 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0056-4
24,99 €

Ein kurzer Einblick

Pünktlich zu ihrem 200jährigen Jubiläum am morgigen Tag erscheinen in diesem Jahr unzählige Bücher über die Schlacht von Waterloo und ihren tragischen Verlierer, Napoleon Bonaparte. Auch Munro Price, einer der bedeutendsten Napoleon-Kenner, widmet sich in seinem neuen Werk dieser Thematik und widerspricht der gängigen These, die Schlacht bei Waterloo sei der entscheidende Moment für den Untergang Napoleons gewesen. Vielmehr habe er bereits mit dem Scheitern seines Russlandfeldzuges 1812, weiteren Schlachten und seinem Nichteingehen auf Friedensangebote vonseiten seiner Gegner seine Niederlage weit vor der Schlacht bei Waterloo besiegelt. Unter der Zuhilfenahme bisher kaum beachteter Quellen erläutert Price den allmählichen Verlust von Napoleons Macht in Europa, bis dieser am Ende alles verlor…

Bewertung

Price setzt seinen Schwerpunkt eindeutig auf die letzten drei Jahre (1812 – 1815) von Napoleons Herrschaft, unterbrochen durch sein Exil auf Elba, was er in einem kurzen Vorwort eingehend begründet. So seien bereits unzählige Werke und Biographien zu Napoleon erschienen, wobei die letzten Regierungsjahre (mal abgesehen von der Schlacht bei Waterloo) eher weniger Beachtung gefunden hätten. Dies hänge mit der Tatsache zusammen, dass man stets Waterloo als große, entscheidende Niederlage von Napoleon interpretiert habe, er jedoch nach Prices Meinung bereits in den Jahren zuvor nach seinem Russlandfeldzug die Chance verpasst habe, seine Herrschaft zu retten. So setzt das Buch auch erst Ende 1812 ein, als Napoleon sich auf dem Rückzug aus Russland befindet. Die Ereignisse der Jahre zuvor finden so gut wie keine Erwähnung, höchstens in kurzen Erläuterungen, um im Buch dargestellte Begebenheiten deutlicher zu machen. Wir begleiten Napoleon zurück nach Frankreich, wo dieser wieder eine Armee aufstellt, erleben die Vermittlungsversuche Österreichs mit (das mit der Tochter des Kaisers Franz I. eine Regentin auf Frankreichs Thron besaß), die im Friedenskongress in Prag münden, der jedoch vor allem aufgrund von Napoleon scheitert. Der Autor versucht dabei auch immer wieder darzustellen, welche Interessen die verschiedenen Mächte mit den Friedensverhandlungen bezweckten, um zu untersuchen, ob Napoleon wirklich Frieden hätte schließen können, wenn er denn gewollt hätte. Da es jedoch zu keiner Einigung kam, gingen die Feldzüge weiter, die in der großen Völkerschlacht bei Leipzig ihren Höhepunkt erlebten, die Napoleon gegen ein Bündnis aus Preußen, Russland, Österreich und Schweden verlor, so dass er sich nach Frankreich zurückziehen musste. Es folgen die Kämpfe in Frankreich, letzte Vermittlungs- und Friedensgespräche, die Napoleon jedoch nicht nutzt, so dass er abdanken muss, nachdem auch Paris in den Händen der Verbündeten ist und das kriegsmüde Volk und seine Offiziere nicht mehr kämpfen wollen. In einem Epilog schildert Price noch die sogenannte Herrschaft der 100 Tage, als Napoleon von Elba flieht, noch einmal eine Armee aufstellt, die schließlich bei Waterloo durch Briten und Preußen endgültig geschlagen wird, so dass Napoleon ins Exil auf St. Helena geschickt wird. Man erfährt außerdem knapp, wie es mit den Hauptprotagonisten der Kämpfe bis hin zu Waterloo nach der Schlacht weiterging. Dabei werden die Texte durch das gesamte Buch hindurch mit Abbildungen zu den dargestellten Ereignissen unterstützt und im Anhang werden die Dramatis Personae kurz vorgestellt, die Quellen zu den Anmerkungen im Text ausführlich wiedergegeben und eine lange Literaturliste zur Thematik angeboten, die den vielen Zitaten aus Originalquellen und auch Sekundärliteratur Rechnung tragen, mit denen der Autor seine Ausführungen immer wieder untermauert.
Das im Vorwort aufgestellte Vorhaben, aufzuzeigen, wie Napoleon lange vor Waterloo sukzessive seine Macht verlor, obwohl er in der Lage gewesen wäre, diese zu retten, gelingt dem Autor definitiv. Er setzt sich dazu auch eingehend mit Napoleons Charakter auseinander, den er in meinen Augen treffend charakterisiert, und stellt die Vermutung auf, Napoleon habe in den letzten Jahren an einer Krankheit gelitten, wofür es einige Indizien gäbe und was einige lethargische Entscheidungen mit erklären könne. Am Anfang musste ich mich jedoch ein wenig durch die ersten Kapitel kämpfen, die sich sehr zäh lasen. Mit der Zeit wurde die Darstellung jedoch immer spannender, las sich trotz ihres wissenschaftlichen, sachlichen Schreibstils fast wie ein Krimi, vor allem die Schilderungen des letzten Jahres 1814/15 ließen mich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Es hat viel Wissenswertes zu Napoleons letzten Jahren als französischer Kaiser zu bieten, ist wirklich sehr gut recherchiert, doch begeistern konnte es mich nicht wirklich. Dies mag auch daran liegen, dass ich mich bisher wenig mit Napoleon beschäftigt habe, mir dadurch einige Vorkenntnisse fehlten, die jedoch bei der Lektüre unbedingt erforderlich sind. Als Einstieg in die Thematik eignet es sich nur bedingt.

Fazit

Wer sich für Napoleons Untergang und die Gründe dafür interessiert, macht mit diesem Buch rein gar nichts falsch. Die gesamte Thematik wurde sehr gut recherchiert, viele kaum beachtete Quellen flossen mit in die Betrachtungen ein, so dass ein sehr abgewogenes Bild von Napoleons letzten Regierungsjahren entsteht, das über weite Strecken auch sehr spannend zu lesen ist. Nur als Einstieg in die Beschäftigung mit Napoleon würde ich dieses Buch nicht empfehlen.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Siedler Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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