Freitag, 12. Juni 2015

Rezension: Der Pianist (Wladyslaw Szpilman)

List Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN: 9783548610689
8,99 €

Ein kurzer Einblick

Warschau, 31. August 1939: Der polnische Pianist Władysław Szpilman erlebt die letzten Stunden vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit seiner Familie. Am nächsten Morgen hat sich alles verändert, der Krieg hat begonnen und die Familie befindet sich als Juden in großer Gefahr. 1940 werden sie ins Warschauer Ghetto umgesiedelt, von wo seine Eltern und Geschwister ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert und dort ermordet werden. Szpilman kämpft sich allein durch, gequält von Hunger, schwerster Arbeit und Kälte, kann schließlich mithilfe von Freunden fliehen, die ihn verstecken, bis er beinahe allein im zerstörten Warschau ausharrt. Im letzten Kriegswinter wird er, komplett erschöpft, vom deutschen Wehrmachtshauptmann Wilm Hosenfeld entdeckt, der ihn jedoch nicht verrät, sondern ihm hilft zu überleben, bis endlich das rettende Kriegsende naht…

Bewertung

Ich habe vor einigen Jahren die Verfilmung des Buches durch Roman Polanski gesehen, die mich wirklich sehr berührt und geschockt hat, so dass ich den Film seitdem auch nicht noch einmal gucken konnte, obwohl er wirklich sehr gut ist. Dies wollte ich aber langsam doch noch einmal tun, auch um ihn für euch zu bewerten, aber vorher wollte ich dann doch erst einmal die Buchvorlage lesen, die sich als noch schockierender und fesselnder als der Film herausstellte. Hier erzählt schließlich derjenige, der diese schrecklichen Dinge wirklich durchmachen musste, selbst davon. Bevor aber Szpilmans Aufzeichnungen zu lesen sind, meldet sich zuerst sein Sohn in einem Vorwort zu Wort, in dem er das Leben seines Vaters, auch nach dem Krieg bis hin zu seinem Tod im Jahr 2000, darstellt, darauf zu sprechen kommt, wie wenig sein Vater mit seinen Angehörigen über seine Erlebnisse während des Krieges gesprochen hat, und die Veröffentlichungsumstände erläutert. Verfasst wurde der Text von Szpilman direkt nach dem Krieg, in Polen wurde er sogleich 1946 veröffentlicht, im sonstigen Rest der Welt jedoch erst nach dem Zerfall des Ostblocks, in Deutschland etwa 1998. Daran anschließend folgt nun Szpilmans Autobiografie, die am 31. August 1939 einsetzt, in Rückblenden auch etwas von der Zeit davor und seiner Ausbildung zum und seiner Arbeit als Pianist erzählt und schließlich nach dem Krieg mit dem Versuch, seinen Wohltäter zu finden, endet. Dem eigentlichen Text folgen schließlich noch Auszüge aus dem Tagebuch seines Retters Wilm Hosenfeld und 49 Anmerkungen von Wolf Biermann, die eine Brücke zwischen Szpilman und Hosenfeld sein sollen und noch einige wichtige Informationen rund um das Buch liefern, für mich aber auch etwas seltsam wirkten. Sie passten irgendwie nicht so ganz zum Ton des Buches, wenn sie auch wichtige Punkte ansprachen. Außerdem verfügt die Ausgabe noch über einige Bilder der Familie Szpilman und aus der Verfilmung des Buches.
Verfasst ist der gesamte Text in einer sehr ruhigen, zurückhaltenden, kühlen Sprache, die sehr auf Distanz geht und sehr sachlich von all dem Grauen erzählt, das Szpilman durchleben musste und das man auch mit Worten niemandem deutlich machen kann, der dies nicht selbst erlebt hat. Bedenken muss man sicherlich, dass der Text direkt nach dem Krieg geschrieben wurde, mit keinerlei zeitlichem Abstand. Er geht von der ersten bis zur letzten Seite unter die Haut. Ich habe bisher wirklich sehr viel zum Nationalsozialismus gelesen, doch dieser Zeitzeugenbericht hat mich wirklich wie fast kein anderer geschockt, gefesselt und gerührt. Auch lange nach dem Lesen ließen mich Szpilmans schreckliche Erfahrungen nicht los. Man versucht die ganze Zeit zu verstehen, warum Menschen anderen Menschen solch entsetzliche Dinge antun können, und bleibt fassungslos zurück. Gleichzeitig können Szpilmans Erfahrungen aber auch Hoffnung geben. Die Hilfe, die er durch Hosenfeld erfuhr, verdeutlicht immerhin auch, dass es selbst in solch schrecklichen Zeiten immer noch Menschen gibt, die ihre Menschlichkeit nicht verlieren und sich nicht von Vorurteilen, Rassen- und Kriegshetze anleiten lassen. Daher passten Hosenfelds eindringliche Tagebucheinträge auch wirklich sehr gut zum Buch. Dabei soll nicht vergessen werden, dass Szpilman zuvor von zahlreichen Freunden versteckt worden war, die ebenso ihr Leben riskierten, um ihm zu helfen. Gleichzeitig verdeutlicht es die Wirkung von Musik, die sicherlich einen großen Anteil an Szpilmans Verarbeitung seiner Erlebnisse hatte, wie aber auch ihre Nützlichkeit im Sinne seines Bekanntheitsgrads, den er durch sie erlangt hat und der zu seinem Überleben entscheidend beitrug.

Fazit

Ein wirklich bewegendes und wichtiges Buch, das vor allem in Schulen gelesen werden sollte, um Heranwachsende über den Nationalsozialismus aufzuklären, damit so etwas Entsetzliches nie wieder passieren kann. Neben seiner Bedeutung für die Erforschung des Nationalsozialismus ist es ebenso ein wichtiger Beitrag zur Erforschung des Warschauer Ghettos, dessen Geschichte man hautnah im Buch miterlebt.

4,5 von 5 Punkten

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