Freitag, 19. Juni 2015

Filmkritik: Der Pianist


Die Aufzeichnungen vom polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman über sein Überleben während des Holocaust setzte der Regisseur Roman Polanski, der selbst das Krakauer Ghetto als Kind überlebte und Angehörige im Holocaust verlor, 2001 zu einem vielfach ausgezeichneten Film um. Szpilman (Adrien Brody) ist vor Kriegsbeginn beim polnischen Rundfunk als Pianist angestellt und erlebt die Bombardierung Warschaus durch die Deutschen hautnah mit. Mit der Einnahme der Stadt ändert sich für seine Familie alles, als Juden befinden sie sich von nun an in großer Gefahr. 1940 folgt die Umsiedlung ins Warschauer Ghetto, von wo Szpilmans gesamte Familie nach Treblinka deportiert und dort ermordet wird. Szpilman muss Zwangsarbeit leisten, kämpft gegen Hunger und Kälte an, unterstützt die jüdische Widerstandsbewegung beim Schmuggeln von Waffen und kann schließlich mithilfe von Freunden aus dem Ghetto fliehen. Er wird in mehreren Wohnungen versteckt, bis er am Ende im völlig zerstörten Warschau allein ausharrt. Kurz vor dem Einmarsch der Russen wird er vom deutschen Hauptmann Wilm Hosenfeld (Thomas Kretschmann) entdeckt, der ihn jedoch nicht tötet, sondern im Gegenteil, er rettet Szpilman das Leben...

Nachdem ich vor kurzem bereits die Autobiografie von Szpilman für euch rezensiert habe, wollte ich nun auch noch die Verfilmung bewerten. Ich hatte den Film vor einigen Jahren einmal gesehen und war so geschockt und aufgewühlt davon, dass ich ihn mir erst einmal nicht wieder ansehen konnte. Das Buch kam mir schließlich noch heftiger vor, doch nachdem ich nun noch einmal die Verfilmung gesehen habe, muss ich meinen ersten Eindruck revidieren. Viele der im Buch nur kurz geschilderten Gräueltaten der Deutschen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern direkt vor einem zu sehen, nahm mich noch mehr mit. Polanski hält sich generell sehr nah an die Buchvorlage, immerhin verfilmt er schließlich auch eine Autobiografie und keinen fiktiven Roman, aber einige kurz erwähnte Begebenheiten im Buch werden im Film deutlich länger dargestellt oder Szpilman selbst erlebt sie, obwohl er im Buch nur berichtet, dass Bekannte von ihm diese durchmachen mussten. Eine größere Änderung betraf die Figur Dorota, eine Cellospielerin, mit der Szpilman sich vor der Einnahme von Warschau traf und eine beginnende Liebesgeschichte angedeutet wird. Als er von Freunden bei der Flucht aus dem Ghetto unterstützt wird, trifft er sie wieder, mittlerweile verheiratet und schwanger. Im Buch taucht sie nicht auf, auch die Verfilmung hätte sicherlich auf sie verzichten können, doch verdeutlicht ihre Figur auch sehr gut, wie Szpilman durch den Krieg und den Holocaust alltägliche Dinge wie sich verlieben verwehrt bleiben und wie sehr er als Jude vom Warschau außerhalb des Ghettos getrennt ist. Außerdem wurde seine Zeit allein im zerstörten Warschau etwas verkürzt, was ich als treffende Veränderung zur Buchvorlage empfand. Zudem nutzt Polanski den Film auch dazu, die Ereignisse in Warschau, etwa den Aufstand im Ghetto, deutlicher darzustellen, als dies im Buch geschieht. Das Buch zeigt stärker die Einsamkeit, in der Szpilman lange Zeit in Warschau ausharrt, der Film auch die generellen Entwicklungen während des Krieges.
Die Verfilmung bleibt aber nicht nur inhaltlich sehr nah an der Buchvorlage, sondern kann auch die wesentliche Elemente des Buches sehr gut herausstellen. Polanski gelang eine überaus überzeugende filmische Darstellung des Buches, die diesem wirklich gerecht werden kann. Dies liegt vor allem auch am herausragend spielenden Hauptdarsteller, Adrien Brody, der für seine Rolle verdientermaßen einen Oscar gewann und mich mit seiner intensiven Darstellung häufig zu Tränen rührte. Auch die Drehorte wurden wirklich sehr treffend gewählt, einiges wurde in Warschau gedreht, so dass man als Zuschauer tatsächlich das Gefühl bekam, das Schicksal dieser Stadt hautnah mitzuerleben. Sehr passend empfand ich es auch, dass im englischen Original die deutschen Soldaten allesamt Deutsch sprechen, was die dargestellten Situationen noch authentischer machte. So gelang Polanski ein wirklich rührendes und erschütterndes Plädoyer gegen den Holocaust und für die Menschlichkeit, die auch in schrecklichen Zeiten nicht vollständig unterdrückt werden kann. Selbstverständlich betont der Film insbesondere die Hilfe, die Szpilman durch Hosenfeld erhält, aber auch die Anstrengungen seiner Freunde, die ebenso ihr Leben riskieren, wenn sie ihn verstecken, spielen eine große Rolle.

Fazit

Für mich einer der rührendsten und erschütterndsten Filme, die ich bisher über den Holocaust gesehen habe, der insbesondere durch seine Beschäftigung mit Musik und ihre Bedeutung für die Verarbeitung all der Gräueltaten, die Szpilman durchleiden muss, eine einzigartige Atmosphäre erhält. Er stellt eine ganz wichtige Ermahnung gegen das Vergessen dieser unmenschlichen Taten, die während des Nationalsozialismus an den Juden begangen wurden, dar und gibt gleichzeitig Hoffnung, dass es selbst in solch schlimmen Zeiten noch Menschen gibt, die trotz der Gräueltaten um sie herum nicht ihre Menschlichkeit verlieren.


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