Sonntag, 3. Mai 2015

Rezension: Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie (Uwe Wittstock)

Blessing Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-89667-543-9
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Vor kurzem erschien die komplett überarbeitete Biografie über Deutschlands bekanntesten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki von Uwe Wittstock, die erstmals 2005 veröffentlicht wurde und nun nach dem Tode von Reich-Ranicki im Jahr 2013 mit vielen Informationen, Fotos und einem Rückblick auf seine letzten acht Lebensjahre erweitert wurde. Dabei stützt sich Wittstock auf zum Teil unveröffentlichte Quellen und Gespräche mit ehemaligen Weggefährten und Gegnern von Reich-Ranicki, um dessen Leben vom Warschauer Getto über erste Jobs als Literaturkritiker in Deutschland und das Literarische Quartett bis hin zum angesehensten Literaturkritiker Deutschlands nachzuzeichnen.

Bewertung

Uwe Wittstock, der bereits für den Fischer Verlag und die Welt arbeitete, zur Zeit beim Focus als Literaturredakteur tätig ist und in den 1980er Jahren unter Marcel Reich-Ranicki bei der FAZ als Literaturredakteur wirkte, hat seine Biografie sehr chronologisch aufgebaut. Nach einem kurzen Vorwort, in dem er auch sein erstes Treffen mit Reich-Ranicki schildert, werden zunächst seine Familie, die Kindheit in Polen und die Jugend in Berlin bis hin zu seiner zwangsweisen Ausweisung nach Polen 1938 dargestellt. Es folgen die Jahre bis hin zum Warschauer Getto, in denen er seine spätere Frau Tosia kennen lernt, die schreckliche Zeit im Getto, die Flucht mit seiner Frau, mit der er bis zur Befreiung Polens von den Nationalsozialisten von einem Ehepaar versteckt wird, bis hin zur Tätigkeit für das polnische Ministerium für Öffentliche Sicherheit, wofür er zeitweise in London arbeitet, wo auch sein einziger Sohn Andrew geboren wird. Danach wird Reich-Ranickis Weg zurück zur Literatur aufgezeigt, seine Umsiedlung nach Frankfurt am Main, seine Tätigkeiten bei der FAZ und der Zeit als Literaturkritiker sowie die Übernahme der Leitung der Literaturredaktion der FAZ im Jahr 1973. Auf seine Kontakte zur Gruppe 47 und Freund- und Feindschaften mit Autoren wird ausführlich eingegangen, um schließlich seine Tätigkeit im Rahmen des Literarischen Quartetts herauszustellen. Es folgen noch Kapitel zu seinen Familienmitgliedern, die Frage nach seiner Heimat und die Schilderung seiner letzten Lebensjahre mit der Verfilmung seines Buches „Mein Leben“, die Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises 2009, dem Tod seiner Frau 2011 bis hin zu seinem Ableben am 18. September 2013. Der Autor, der Reich-Ranicki wie gesagt kannte, kann seine Ausführungen dabei immer wieder mit selbst miterlebten Ereignissen unterstützen und stützt sich ebenso stark auf Gespräche, die er mit Wegbegleitern von Reich-Ranicki geführt hat. Das letzte Kapitel verfügt außerdem noch über eine Art Interview mit Reich-Ranicki selbst, das aus den Gesprächen der beiden in den Monaten vor Reich-Ranickis Tod zusammengeschrieben wurde und dessen Gefühlswelt vor seinem Tod eindrucksvoll herausstellt. Zusätzlich verfügt das Buch über zahlreiche Bilder von Reich-Ranicki, die oftmals gegen Ende aber auch etwas zusammenhangslos zum Text abgebildet wurden und nur wie Seitenfüller wirkten.
Insgesamt ergibt sich aber ein eindrucksvolles Bild von Marcel Reich-Ranicki, das sehr abgewogen die Stärken und Schwächen des Literaturkritikers aufzeigt. Man erlebt ihn als energiegeladenen, ehrlichen und oftmals provozierenden Kritiker, der dem breiten Publikum Literatur näher bringen wollte, der durch seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs entscheidend für sein Leben geprägt war, sich häufig als Außenseiter fühlte und in der Literatur seine Heimat fand, die ihm in seinem Leben immer wieder genommen wurde. All dies wird überaus fesselnd und interessant herausgearbeitet. Die Biografie ist keinesfalls trocken geschrieben, wie man es sonst oft bei solchen Büchern erlebt. Insbesondere der Anfang bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs liest sich wie ein spannender Roman, was natürlich auch an den Erlebnissen, die Reich-Ranicki zu dieser Zeit durchmachen muss, liegt. Sein Schicksal berührt enorm und erschüttert oftmals, es ist schwer vorstellbar, wie man Jahre voller Todesangst durchleben und verarbeiten kann. Der Mittelteil verfügt über ein paar Längen, vor allem die verschiedenen Debatten und Streitereien mit Autoren fand ich weniger interessant. Dafür ist der letzte, neu dazugekommene Teil über Reich-Ranickis letzte Lebensjahre umso besser und rührender gelungen. Insbesondere die letzten Gespräche des Autors mit ihm, die etwa seine sehr ehrlichen Gedanken über den Tod herausstellen, berührten mich zutiefst.

Fazit

Eine sehr abgewogen und fesselnd geschriebene Biografie über Deutschlands bekanntesten Literaturkritiker, die nichts Negatives auslässt und ein sehr einfühlsames Bild von Marcel Reich-Ranicki liefert. Viel besser hätte man dessen Charakterfacetten nicht herausarbeiten können, so dass ich die Lektüre dieses Buches über das Leben und Wirken eines großen Literaturliebhabers nur wärmstens empfehlen kann!

4,5 von 5 Punkten


Wir danken dem Blessing Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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