Dienstag, 5. Mai 2015

Rezension: Der Dunkle Turm VI. Susannah (Stephen King)

Heyne
Taschenbuch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-453-43103-4
9,99 €

eBook, 8,99 €
ISBN: 978-3-641-02560-1


Ein kurzer Einblick

Ein Balken des Dunklen Turms bricht und die Welt erbebt. Roland und seine Freunde erkennen, dass ihnen die Zeit davonläuft. Während Roland und Eddie das Ka zu Antiquar Tower ruft, versuchen Jake und Callahan Susannah zu retten, die bald Mias Kind gebären wird.

Bewertung

Der Dunkle Turm steht wie ein Fels in der Brandung. Aber auch der härteste Felsen wird vom Wasser geschliffen. Unermüdlich arbeiten die Brecher an den Balken. Als ein weiterer bricht, wird Roland und seinen Freunden bewusst, dass die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Temporeicher als bisher erzählt Stephen King seine Saga fort - ein Grund, warum der Band so schmal ist? - und doch schreitet die Handlung gemächlich voran. Statt dem Dunklen Turm entgegen zu eilen, verweilt King bei Susannah und Mia. Susannah, die von einem Dämon geschwängert ist, und Mia, die Susannah das Kind rauben will, schenkt der King die meiste Aufmerksamkeit.
Der Roman beginnt dort, wo der letzte Teil »Wolfsmond« endete. Susannah gelangt durch die Tür der Calla ins New York des Jahres 1999. Erzähltechnisch ist dies ein geschickter Kniff, denn der Zeitsprung bietet genug Konfliktpotential zwischen Susannah und Mia. Susannah mag New York kennen, doch eine ältere Version, sodass ihr vieles völlig unbekannt ist. Mia ist in der Metropole auf Susannahs Hilfe angewiesen, besitzt aber die größere Macht über den geteilten Körper. Eines ist ihnen beiden gemein: Sie wollen das Kind gebären, wenn auch aus unterschiedlicher Motivation. Zum einen führt die Hilflosigkeit Mias und die geistige Gefangenschaft Susannahs zu willkommenen Hintergrundgeschichten, dazu gleich mehr, zum anderen mutet das Hin und Her des Machtgerangels sehr willkürlich an. Der Spielball der Macht wird je nach Situation hin und her geworfen, als ob Stephen King selbst nicht so genau wüsste, wie die Handlung voranschreiten soll.
Susannah nutzt die Situation aus Mia ihre Lebensgeschichte zu entlocken und bietet ihr im Gegenzug Hilfe an das Dixie Pig zu erreichen - das Dixie Pig: Der Ort, an dem die Niederen Männer auf Mia warten. Die Geschichten um Mia - und teilweise damit auch eine Geschichte um Susannahs Kind - sind das Herzstück dieses Romans. Die Handlung um den Dunklen Turm mag stagnieren, die tiefgründig erzählte Leidensgeschichte Mias bietet endlich einen Grund, ihren Charakter zu vertiefen. Susannahs/Mias Figur wird greifbar. Zu lange war sie im Vergleich zu Roland oder Eddie ein blasser Charakter.

Während Susannah die Geburt hinauszögert, verschlägt es Eddie und Roland ins Jahr 1977. Ihre Aufgabe ist es, Kontakt zum Antiquar Tower aufzunehmen. Die eigentlich interessante Passage ist ihr Besuch bei ihrem Schöpfer: Stephen King. Schon immer vermittelte »Der Dunkle Turm« eine Bodenständigkeit, die durch Rolands rauen Charakter und die Ausflüge nach New York bewirkt wurden. Mit der Aufnahme seiner eigenen Figur in die Story, verschwimmt die Wahrnehmung zwischen Fiktion und Realität. Querverweise zu anderen Büchern wie »Brennen muss Salem«, vertiefen das Gefühl. Die Nennung weiterer Romane Kings sind auch bereits im letzten Band gefallen. Was Kings Auftritt wahrhaftig so bemerkenswert macht, ist der kritische Umgang mit seiner Figur. Statt eines strahlenden Ritters mit blühender Fantasie begegnet Roland ein versoffener Autor, dessen Manuskript zu »Schwarz« in einer Ecke vergammelt.
Am Ende des Romans ist ein Autorentagebuch zu finden, das die Illusion des Kniffs der Realitätsverwischung wieder nimmt. Die Einträge gehen weiterhin kritisch mit King um, doch wirkt dies nur noch aufgesetzt und leider eher belustigend. Es ist eine ehrliche Selbstreflexion des Autors, wobei schwer zu unterscheiden ist, inwieweit King flunkert oder Wahres verarbeitet.

Fragt jemand nach Jake? Nun, er versucht mit Callahan Susannah zu retten. Die beiden sind eine Randanekdote und spielen keine wichtige Rolle.

Fazit

»Susannah« ist ein Intermezzo vor dem großen Finale. Leicht orientierungslos wird Susannahs/Mias Geschichte vorangetrieben, vertieft aber ungemein ihrer beiden Charaktere und bietet wunderbares Konfliktpotential. Rolands Besuch bei seinem Schöpfer versucht zu erklären, dass Ka die Verantwortlichkeit, das Schicksal der Welten nicht nur in Rolands Schoß gelegt hat. »Susannah« ist ein Zwischenstück, das Vieles erklärt und hoffentlich im abschließenden Band die Reihe zu einem befriedigenden Abschluss bringen wird.

4 von 5 Punkten

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