Sonntag, 12. April 2015

Rezension: Voran, voran, immer weiter voran (Ryan Bartelmay)

Blessing Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-89667-526-2
21,99 €

Ein kurzer Einblick

In einer Kleinstadt in Illinois zu Beginn der 1950er Jahre: Chic Waldbeeser und sein Bruder Buddy haben früh ihren Vater durch dessen Selbstmord verloren und sich sehr unterschiedlich entwickelt. Chic heiratet früh seine Jugendliebe Diane, die ihm schnell einen Sohn gebiert, und beide planen ihre Zukunft als ganz normale Familie mit Eigenheim. Buddy hingegen nimmt der Tod seines Vaters auch Jahre später immer noch sehr mit, er findet nur schwer seinen Platz im Leben, beschäftigt sich die ganze Zeit mit seiner Münzsammlung, anstatt sich um seine Frau Lijy zu kümmern. Über fünfzig Jahre hinweg werden wir das Leben der beiden Brüder verfolgen, die trotz aller Schicksalsschläge immer versuchen weiterzumachen…

Bewertung

Mit „Voran, voran, immer weiter voran“ legt der US-amerikanische Autor Ryan Bartelmay nach Veröffentlichungen von Kurzgeschichten seinen ersten Roman vor. Dieser erzählt vom Beginn der 1950er Jahre bis in das Jahr 1998 aus dem Leben der ungleichen Brüder Buddy und Chic, die sich nach einigen Schicksalsschlägen im Leben zurechtzufinden versuchen. Die Geschichte wird dabei immer wechselnd aus der Sicht mehrerer Familienmitglieder weitergeführt, wenn auch der Fokus auf Chics Leben liegt und er meist zu Wort kommt. Der Autor geht allerdings nicht chronologisch vor, die Handlung, die in den 1950er Jahren einsetzt und dann über die nächsten Jahrzehnte weitererzählt wird, wird ständig, ohne einen für mich ersichtlichen Rhythmus, von dem Handlungsstrang des Jahres 1998 unterbrochen, so dass der Leser stets sehr gut aufpassen und mitdenken muss, was ich persönlich Autoren immer sehr hoch anrechne. Im Zentrum des Buches steht einerseits das schwierige Verhältnis der beiden Brüder, das psychologisch tiefgehend herausgearbeitet wird und von seinem interessanten Kontrast lebt. Zu Beginn scheint Chic als der „Normale“ derjenige zu sein, dem sein Leben „gelingt“, der die Chance hat, dauerhaft glücklich zu sein, doch mit der Zeit kann viel eher der unangepasste Buddy, der am Anfang seinen Platz im Leben nicht finden kann, mit seinem Leben seinen Frieden machen und eine glückliche Ehe führen. Andererseits geht es vor allem um die Ehe von Chic und Diane und ihren Kampf zurück ins Leben nach einem großen Schicksalsschlag, den ich hier jetzt nicht verraten möchte. Das Buch beschäftigt sich viel mit dem Verarbeiten von Verlust und Schuldgefühlen, dem Scheitern von Lebenszielen und –träumen und ist ein eindrucksvolles Plädoyer für ein stetiges Weitermachen trotz allerhand Schicksalsschlägen, aber gleichzeitig auch ein sehr ernüchterndes Werk mit einer sehr passenden nüchternen, eindringlichen Sprache, das den Leser viel über Lebensabläufe, das Älterwerden und die Bewertung, die man im Alter im Rückblick auf sein Leben vornimmt, nachdenken lässt, aber auch einen kleinen Hoffnungsschimmer am Ende verbreitet.
Außerdem gelingt dem Autor die Darstellung und Weiterentwicklung seiner Figuren sehr glaubhaft und realistisch. Die meisten sind ganz normale Menschen, in die man sich gut hineindenken kann, und sie wirken auch wesentlich lebensnaher als in vielen anderen Romanen, sie haben Schwächen wie wirkliche Menschen auch, nehmen mit der Zeit auch mal zu und sind im Alter auch keine Schönheiten mehr, wie man es sonst oft in Büchern liest. Dazu wird vor allem Chics Ehe als die einer Durchschnittsfamilie sehr realistisch geschildert, aber genauso eindrucksvoll gezeigt, wie jede Ehe mit ihren gängigen Problemen an einem großen Schicksalsschlag zugrunde gehen kann. Das einzige Problem, das ich mit dem Buch dann aber hatte, war die trotz der gelungenen tiefgehenden Entwicklung der Charaktere fehlende Sympathie, die man für die Hauptfiguren entwickelt. Mit Chic, Lijy und Buddy konnte ich mich zwar ein wenig anfreunden, doch ihr Schicksal ließ mich fast das ganze Buch über ziemlich kalt, auch da der Roman nach gutem Beginn in der Mitte ein wenig vor sich hin plätschert und erst auf den letzten knapp 100 Seiten wieder an Fahrt gewinnt, da dann aber auch wesentlich fesselnder und rührender wird, vor allem der Handlungsstrang im Jahr 1998 konnte mich zum Ende hin sehr überzeugen, als Chic auf sein Leben zurück guckt und noch versucht, vielleicht noch ein wenig richtig zu machen und seinen Platz doch noch zu finden.

Fazit

Ein wirklich intelligentes, tiefgehendes Buch, das nur darunter leidet, dass man als Leser zu den Hauptcharakteren zeitweise keine wirkliche Verbindung aufbauen kann, was die Begeisterung beim Lesen ein wenig schmälert. Vielleicht gelang dies aber auch nur mir nicht, demnach versucht es einfach selbst einmal, denn ansonsten bietet Ryan Bartelmay mit diesem Werk ein sehr starkes Debüt!

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Blessing Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen