Freitag, 3. April 2015

Rezension: Als der Himmel uns gehörte (Charlotte Roth)

Knaur Taschenbuch
Taschenbuch, 608 Seiten
ISBN: 978-3-426-51664-5
9,99 €

Ein kurzer Einblick

London im Herbst 2011: Die Langstreckenläuferin Jennifer träumt davon, an den im kommenden Jahr statt findenden Olympischen Spielen in ihrem Heimatland teilzunehmen, doch wiederkehrende Panikattacken behindern ihren großen Wunsch. Da schlägt ihr neuer Trainer Gregory vor, sie solle doch ihre Urgroßmutter Alberta auf deren Landsitz Mandeville aufsuchen. Diese hat selbst einmal an einer Olympiade teilgenommen, 1936 in Berlin. Sie nimmt Jennifer mit auf eine Reise zurück ins Berlin der 1930er Jahre, erzählt von ihren Erfahrungen als Sportlerin im nationalsozialistischen Deutschland und ihrer Liebe zu zwei Männern, doch können sie gemeinsam Jennifers Probleme in den Griff bekommen?

Bewertung

Ich hatte erst vor kurzem durch Zufall das erste Buch „Als wir unsterblich waren“ von Charlotte Roth entdeckt, das ich komplett begeistert und berührt verschlungen habe. Als ich dann gelesen habe, dass zum April ihr zweiter Roman erscheint, der sich auch noch mit den Olympischen Spielen beschäftigt, die ich, seitdem ich denken kann, sehr interessiert verfolge, war mir direkt klar, dass ich auch ihr zweites Werk sofort lesen müsse. Trotz dieser sehr positiven Vorzeigen hat mich der Roman dann leider doch ein wenig enttäuscht. Er ist nicht misslungen oder langweilig, aber er berührte mich kaum und ließ mich von der ersten bis zur letzten Seite ziemlich kalt. Er wechselt wie schon ihr erstes Buch immer wieder zwischen der Handlung im Jahr 2011/12 und der im Dritten Reich, wobei letztere weit ausführlicher und auch spannender zu lesen ist und man als Leser zumindest zur Hauptfigur Alberta noch eine gewisse Bindung aufbauen kann, zu den anderen Charaktere gelang mir dies leider kaum. Sie haben immerhin alle verschiedene Facetten, lassen sich nicht nach einem Schwarzweißschema den „Guten“ oder den „Bösen“ zuordnen und wirken insgesamt wirklich menschlich und lebensnah, was auch schon die Figuren in ihrem ersten Roman auszeichnete. Trotzdem interessierte mich ihr Schicksal leider kaum. Vielleicht mag es ein wenig daran liegen, dass ich bereits Unmengen an Romanen und Sach-/Fachbüchern zum Nationalsozialismus gelesen habe und die Autorin bei der Fülle an sonstiger Literatur zum Thema nichts mehr Neues bezüglich Judenhass und des Umgangs mit Behinderten erzählen konnte, doch auch die Olympiathematik, die ich bisher noch nie in einem Roman so vorgefunden habe, hätte besser dargestellt werden können.
Der Rückblick von Alberta setzt 1931 vor den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles ein, die sie als Assistentin ihres Vaters, der beim Rundfunk arbeitet, erlebt. Diese werden sehr spannend erzählt und gehören zu den besten Passagen des Buches, doch danach die Zeit zwischen 1932 und 1936, als Alberta sich für ihre Olympiateilnahme im Bogenschießen vorbereitet, ist oftmals etwas langatmig und erzählt für meinen Geschmack zu wenig von ihrem Training und ihren Wettkämpfen, mehr Details dazu hätten dem Buch gut getan und Albertas Leben als Spitzensportlerin auch nicht so leicht und damit etwas unrealistisch aussehen lassen. Leider konnte mich auch das Liebesdreieck um Alberta nicht begeistern, die sich zwischen zwei Springreitern, dem Deutschen Hannes und dem Engländer James, nicht richtig entscheiden kann. Deren Training und Wettkämpfe werden immerhin wesentlich ausführlicher dargestellt als Albertas Bogenschießkarriere und Hannes’ Karriere sehr stark mit den Begebenheiten für deutsche Sportler unter den Nationalsozialisten verbunden, was mich wieder etwas positiver stimmen konnte.
So gelingt zumindest die Darstellung der historischen Begebenheiten sehr gut, die eindeutig der große Pluspunkt des Romans ist. Die Verschärfung der Gesetze gegen Juden und gegen Behinderte wird historisch korrekt und überzeugend herausgearbeitet und die Olympischen Spiele in Berlin sehr ambivalent geschildert. Man erlebt hautnah mit, wie diese eine kleine Verschnaufpause für die Verfolgten des Naziregimes bedeuten, die aber direkt nach den Spielen sofort wieder zu Ende ist, wie die Spiele zu Propagandazwecken genutzt und deutsche Sportler als arische Helden hochstilisiert werden, die sich oftmals dafür missbrauchen und sozusagen kaufen lassen, um unter allen Umständen an ihrer Olympiade, die eigentlich ein Friedensfest sein sollte, teilnehmen zu können. Zusätzlich erhält man spannende Einblicke in die Geschichte der Olympischen und Paralympischen Spiele wie etwa die Entwicklung des Fackellaufs, auch werden am Ende zum besseren Verständnis noch einige Begriffe erklärt und einige historische Personen, die im Roman auftauchen oder erwähnt werden, vorgestellt, und die Autorin gibt auch zu Beginn des Buches an, wo sie sich ein paar künstlerische Freiheiten mit der Geschichte der dargestellten Olympischen Spiele erlaubt hat, so dass man ihren Umgang mit den historischen Fakten nur loben kann.
Es hapert leider an der fiktiven Geschichte, die mir zu konstruiert und unrealistisch wirkte und mich viel zu sehr, was den Aufbau und den groben Ablauf der Handlung des Buches anging, an den ersten Roman der Autorin erinnerte, was die Geschichte in vielem sehr vorhersehbar machte. Vor allem der später statt findende Handlungsstrang um Jennifer konnte mich sehr wenig überzeugen, so dass ich etwas enttäuscht zurückblieb.

Fazit

Nach einem sehr starken ersten Roman von Charlotte Roth kann dieses zweite Buch nicht mehr ganz an diesen heranreichen. Der Umgang und die Herausarbeitung der historischen Ereignisse und Entwicklungen ist wieder einmal äußerst gelungen, die fiktive Geschichte, die darum aufgebaut wurde, hat einige Schwächen, die meine Freude beim Lesen ein wenig schmälerten. Angenehm zu lesen war der Roman trotzdem, begeistern konnte er mich jedoch leider nicht.

3,5 von 5 Punkten


Wir danken der Verlagsgruppe Droemer Knaur für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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