Dienstag, 24. März 2015

Rezension: Der Königsschlüssel (Boris Koch & Kathleen Weise)

Heyne
Hardcover, 400 Seiten
ISBN: 978-3-453-52534-4
13,00 €

eBook, 5,99 €
ISBN: 978-3-641-03288-3


Ein kurzer Einblick

Einmal im Jahr muss der mechanische König aufgezogen werden. Festliche Aktivitäten beherrschen das Straßenbild Marinths. Anlässlich der Schlüsselzeremonie besucht Vela, Tochter des Königsmechanikers, ihren Vater. Fassungslos muss sie beobachten wie ein Klippengeier den Schlüssel stiehlt und ihr Vater für dieses Verbrechen in den Kerker geschmissen wird. Nur der mechanische König kann ihn begnadigen, doch dessen Herz steht still. Vela macht sich auf, auf eine lange und mühsame Reise, dem Dieb den Schlüssel abzunehmen.

Bewertung

Welche Anforderungen darf ich als Erwachsener an einen Roman stellen, der für Zehnjährige geschrieben wurde? Bestimmt kein ausgeklügelt tiefgründiges Werk, dessen Botschaften zwischen den Zeilen vermittelt wird. Wohl kaum eine Charakteranalyse, die mich verblüfft erstaunen lässt. Ebenso darf ich keine verzwickten Handlungswenden erwarten, die die komplette Story umwälzen. Boris Koch und Kathleen Weise begehen diese Fehler nicht. »Der Königsschlüssel« ist kein Buch, das alle Altersklassen ansprechen soll. Aber darf das als Grund genommen werden, Potential zu verschenken? Diese Geschichte hätte großartig sein können! Statt einer Welt, die als Gesamteinheit funktioniert, wurde sie in Einzelteile zerlegt. Abenteuer für Abenteuer wird bestanden. Aber ob Quest A vor B kommt, ist hinfällig, denn genauso hätte Quest C vorgezogen werden können. Die Handlungsabschnitte reihen sich zwar nicht willkürlich aneinander, sind aber leider sehr austauschbar. Das macht die Story vorhersehbar und nimmt jede Überraschung vorweg. Auch Zehnjährigen ist etwas mehr zutrauen.

Wo die Handlung Potential verschenkt, sieht es bei den Charakteren nicht besser aus. Vela soll in die Fußstapfen ihrer Mutter als Beobachterin an der Reichsgrenze treten, würde aber lieber in Lehre bei ihrem Vater als Königsmechaniker gehen. Cephai schuftet sich in einer Schankstube den Rücken wund und träumt davon als Knappe einem Ritter zu dienen. Urs wird als sprechender Bär nicht angenommen, wäre aber gerne Ritter. Alle drei Figuren sind fein ausgearbeitete Gestalten und treten die gefährliche Reise an, um den Königsschlüssel zu bergen, den ein Klippengeier stahl. Viele Abenteuer bestehen sie, doch charakterlich entwickeln sie sich kaum weiter. Ihre Persönlichkeit wandelt sich kaum. Ihre Meinungen über Mitmenschen und Zukunft wird lediglich dahingehend angepasst, dass ein Happy End mit Wohlfühlcharakter erschaffen wird.

Das Trauerspiel des ungenutzten Potentials setzt sich konsequent an den Handlungsorten fort. Szenerien werden angerissen und dann vergessen. Dörfer am Wegesrand müssen nicht ausgearbeitet werden, aber was ist mit der Geisterstadt Sanjorkh? Eine riesige schwarze Wolke hängt über den Dächern. Tag wird es in den Gassen niemals. Im Untergrund leben riesenhafte Käfer und auch an der Oberfläche treiben sich seltsame Wesen herum. Sanjorkh darf als Ort voller Gefahren herhalten, wird nebenbei aber so weit skizziert, dass man zwingend wissen möchte, wie dieser Ort entstanden ist, woher die Kreaturen kommen und warum stetiger schwarzer Qualm aus den Türmen der Stadt dringt. Zum Ende des Roman wird die Stadt noch einmal erwähnt - aber wozu? Ein weiteres Geheimnis wird angesprochen und nicht aufgelöst. Das liest sich spannend, lässt aber enttäuscht zurück.

Der Ideenreichtum der beiden Autoren mag unausgeschöpft sein, vermag aber dennoch zu verzaubern. Die Fantasie-Wesen sind im Detail beschrieben, die Welt wird hervorragend ausgearbeitet, die Landschaftsbeschreibungen wirken einladend. Marinth, die Hauptstadt des Landes, lädt ein durch die Gassen zu stromern und einen Blick auf den mechanischen König zu erhaschen. Das Gesamtbild ist stimmig und befriedigend. Trotz all der deutlich ausgesprochenen Kritik, ist »Der Königsschlüssel« ein leicht zu lesender Roman, der hauptsächlich durch die Fantasie und die Bilder lebt.

Fazit

Boris Koch und Kathleen Weise hätten auch Zehnjährigen etwas mehr zutrauen dürfen. Das Zielpublikum wird garantiert vom Roman verzaubert sein, ältere Leser dürften eine größere Enttäuschung erleben. Ein faszinierender Fantasyroman mit Gestalten, die ins Herz geschlossen werden, und im Gedächtnis bleibenden Szenarien ist der Roman aber allemal.

3 von 5 Punkten

1 Kommentar:

  1. Eine schöne Rezension und ein gelungenes Fazit. Auch wenn die Bewertung jetzt nicht 5 Sterne ist, klingt das Buch dennoch interessant. Ich werde gleich mal stöbern gehen, danke für den Tipp!

    Liebste Grüße,
    Nazurka

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