Donnerstag, 5. März 2015

Rezension: Auferstehung (Leo Tolstoi)

Fischer Taschenbuch
Taschenbuch, 608 Seiten
ISBN: 978-3-596-90068-8
9,50 €

Ein kurzer Einblick

Leo Tolstois letzter großer Roman, der 1899 erschienen ist, handelt von der Wandlung des Fürsten Nechliudow, der als Geschworener vor Gericht seiner ersten Liebe Maslowa wiederbegegnet, die er vor Jahren an Ostern verführt und schwanger zurückgelassen hat und die schließlich als Prostituierte arbeitete. Nun ist sie des Mordes angeklagt und wird trotz der Überzeugung der Geschworenen, dass sie unschuldig ist, aufgrund einer Unachtsamkeit zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Nechliudow, überzeugt davon, mit seiner Tat vor Jahren der Auslöser des tiefen Falls der Maslowa zu sein, setzt alles daran, eine Begnadigung für sie zu erwirken, und plant ihr anderenfalls nach Sibirien zu folgen und sie zu heiraten…

Bewertung

Tolstois dritter großer Roman nach „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ widmet sich in erster Linie einer Art „Auferstehung“ seiner beiden Hauptfiguren Nechliudow, der als Fürst und Großgrundbesitzer ein sorgenfreies, oberflächliches Leben führt, und Maslowa, die nach dem Tod ihres Kindes von Nechliudow, dem Verlust ihres Zuhauses und der folgenden Arbeit als Prostituierte immer mehr verrohte und abstumpfte. Die im Buch dargestellte Auferstehung ist aber nicht wie die christliche als eine nach dem Tod zu verstehen, sondern eine im Leben, ein Versuch, sich zu einem „guten“ Menschen zu wandeln. So bewirkt Nechliudows Wiedersehen der Maslowa und das Erfahren ihres Schicksals in den vergangenen Jahren eine tiefe Wandlung in ihm. Er kümmert sich nicht mehr nur um sich selbst, erkennt allmählich, wie oberflächlich und bedeutungslos sein bisher geführtes Leben und auch die Menschen darin sind und kümmert sich verstärkt um andere Gefangene neben der Maslowa, die oftmals auch unschuldig im Gefängnis sitzen. Die Maslowa wiederum findet langsam zu ihrem früheren Ich zurück durch die Zuwendung vonseiten Nechliudows und löst sich von der ihr bekannten Welt der Prostituierten und des Alkohols. Bei beiden geschehen aber auch immer wieder Rückfälle in alte Verhaltensmuster, was ihre Wandlung jedoch viel realistischer machte. Nechliudows Entwicklung empfand ich allerdings ab und zu doch noch ein wenig zu idealistisch und realitätsfern. Sie lief für mich etwas zu sehr reibungslos ab. Tolstoi lässt ihn viel über Nächstenliebe und Menschlichkeit nachdenken, die der Welt der Pflichten gegenübergestellt und zum entscheidenden Maßstab für unsere Entscheidungen hochstilisiert werden, was das Buch zu einem beeindruckenden Plädoyer für die Orientierung an unserem eigenen Gewissen werden lässt. Nechliudow beginnt, gängige Pflichten und Vorgaben zu hinterfragen, sich zu Dingen seine eigene Meinung zu bilden und sich von Menschlichkeit leiten zu lassen.
Damit einher geht die im Buch vorherrschende Kritik am damaligen (und in einigen Punkten sicherlich auch noch heutigen) Justizsystem, die Tolstoi sogar so sehr ausweitet, dass er generell das Richten von Menschen über Menschen in Frage stellt. Er spickt seine Erzählung immer wieder mit tatsächlich geschehenen Fällen, worauf Fußnoten hinweisen, in denen große Unmenschlichkeiten begangen wurden und die generell die Probleme des Justizsystems aufdecken, das nicht etwa die Anzahl an Verbrechern reduzieren kann, sondern vielmehr zum Ansteigen der Verbrecheranzahl beiträgt. Menschlichkeit spielt in diesen Fälle keine Rolle, nicht einmal Gerechtigkeit, die Angestellten der Gerichte orientieren sich bloß am Geld und an ihren zu erfüllenden Pflichten. Zusätzlich kommt Tolstoi zu seinem gängigen Thema „Leibeigenschaft und Großgrundbesitz“ auch kurz zu sprechen, das er zur Kritik an der Oberschicht, die sich auf Kosten der Armen ein schönes Leben machen, und zu Überlegungen, wie Land gerechter und effizienter verteilt werden könnte, nutzt. So werden in die Haupthandlung viele kleine Nebenhandlungen eingebaut, die generell ein erschütterndes Bild der Armut vor allem auf dem Land und der miserablen Zustände in den Gefängnissen zeichnen. Sie lassen den Leser wirklich nicht kalt, stören aber auch ein wenig den Haupterzählfluss und verwirren etwas, da man all die auftauchenden Personen irgendwann nicht mehr richtig auseinander halten kann.
An Zusatzinformationen bietet diese Ausgabe des Fischer Verlags eine Zeittafel zum Leben des Autors und einen recht kurzen Beitrag zum Buch aus Kindlers Literatur Lexikon. Ich hätte mir deutlich mehr Informationen zur Deutung des Werkes (vor allem der etwas verwirrenden religiösen Aspekte) und der Rezeption des Buches gewünscht. Wie üblich bei Tolstoi tauchen auch hier einige französische Sätze auf, die auch leider versäumt wurden zu übersetzen.

Fazit

Insgesamt ein sehr lesenswertes Werk von Leo Tolstoi, das sich hinter seinen großen Werken nicht verstecken muss. Es ist ein beeindruckender Appell gegen Unmenschlichkeit und Armut und eine vernichtende Kritik am damaligen Justizsystem, das in vielen Punkten nichts an Aktualität verloren hat. Die Handlung weist ein paar kleinere Schwächen auf, doch alles in allem zeigt Tolstoi mal wieder, was für ein einfühlsamer und großartiger Erzähler er ist.

4 von 5 Punkten

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