Freitag, 27. März 2015

Rezension: Als wir unsterblich waren (Charlotte Roth)

Knaur Taschenbuch
Taschenbuch, 576 Seiten
ISBN: 978-3-426-51206-7
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Berlin im November 1989: Die Ostberliner Studentin Alexandra erlebt den Mauerfall mit einer Freundin hautnah mit und wird inmitten der riesigen Menschenmenge in die Arme von Oliver aus Westberlin gedrängt. Sie verlieben sich auf Anhieb ineinander und Alex nimmt Oliver mit zu ihrer Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist. Diese bricht beim Anblick von Alexs Freund plötzlich zusammen und kommt völlig aufgelöst ins Krankenhaus. Lange verdrängte traumatische Erlebnisse scheinen wieder an die Oberfläche zu drängen, die bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, als die sechzehnjährige Paula den jungen Studenten Clemens anhimmelt und mit ihm für Arbeiter- und Frauenrechte kämpfen will…

Bewertung

Charlotte Roths ersten Roman habe ich vor kurzem durch Zufall in einem Buchladen entdeckt, wobei mich zuerst das schöne Retrocover ansprach. Die Innenseiten des Einbands zeigen außerdem vorne ein Bild von Berlin in 1915 und hinten eins von dem Blick über die Berliner Mauer im Jahre 1989. War das Buch somit bereits äußerlich sehr ansprechend, sollte sich auch der Inhalt als überaus gelungen herausstellen. Dieser setzt 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer ein und erzählt dann in Rückblenden die Erlebnisse von Paula während des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik. Zwischendurch kehrt der Leser für kurze Zwischenkapitel auch wieder ins Jahr 1989 zurück, wobei diese Zeitenwechsel sehr gut verknüpft sind. Der letzte Satz eines Kapitels ist dabei meist fast wortwörtlich auch der erste Satz des folgenden Kapitels, was die beiden Handlungsstränge noch stärker miteinander verbindet. Der Fokus des Buches liegt eindeutig auf der Paula-Geschichte, der viel mehr Raum geboten wird und die auch rührender und besser gelungen ist als die Handlung im Jahr 1989. Generell fesselt der Roman aber ungemein. Ich saß stundenlang auf dem Sofa und versank in der Geschichte von Paula und Clemens, fieberte mit ihnen mit und konnte es kaum erwarten, endlich zu erfahren, wie die beiden Handlungsstränge letztendlich miteinander verknüpft sind. Dabei war das Buch dermaßen intensiv geschrieben, man ist als Leser derart tief in der Handlung drin, als wäre man tatsächlich dabei gewesen. Außerdem wirkte es selbst Tage nach dem Fertiglesen noch so intensiv nach, dass ich weiterhin an die Figuren dachte und mich ihre Geschichte nicht losließ, was ich sehr, sehr selten bei Büchern erlebe. Die Autorin hat in diesen Roman auch einen Teil ihrer Familiengeschichte mit einfließen lassen, vielleicht trug dies noch zur Intensität des Buches bei.
Sehr gelungen war auch die Darstellung des Ersten Weltkriegs über die Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung der Nationalsozialisten aus der Sicht der sozialdemokratischen/kommunistischen Parteien, in deren Umfeld sich Paulas Freundeskreis engagiert. Die Autorin bietet da zwar nichts wirklich Neues an, die übliche These, wenn beide Parteien geeint gewesen wären, hätten sie eine sehr starke Front gegen rechts bilden und vielleicht den Aufstieg des Nationalsozialismus verhindern können, wird auch lang und breit herausgestellt, aber die Fakten sind sehr gut recherchiert und wirklich spannend und überzeugend herausgearbeitet. Auch habe ich bisher selten in einem Roman diese Phase aus der Sicht der linken Parteien erlebt, was sehr fesselnd zu lesen war.
Zusätzlich gelang es der Autorin, ihren Figuren Leben einzuhauchen und ihren eine enorme psychologische Tiefe zu geben. Sie wirken lebensnah und haben Fehler wie wirkliche Menschen, so dass man sich sehr gut in sie hineindenken kann. Dabei gefiel mir vor allem die Darstellung der Figur des Clemens, dessen Entwicklung aufgrund seiner Probleme aus seinem Elternhaus sehr einfühlsam geschildert wird. Er ist einerseits der sympathische geborene Anführer, innerlich aber andererseits sehr unsicher und nach Bestätigung von anderen suchend, was seine Liebesgeschichte mit Paula sehr einzigartig und rührend macht. Somit kann ich eigentlich nichts an diesem Roman kritisieren, außer dass die Verbindung der beiden Handlungsstränge und der Familiengeschichten ein wenig konstruiert wirkt, was dem Lesevergnügen aber auch keinen Abbruch tut.

Fazit

Ein sehr starkes, rührendes Debüt von Charlotte Roth, die in diesem Roman einen Bogen vom Ersten Weltkrieg bis hin zum Mauerfall spannt und somit eine spannende Darstellung der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert aus der Sicht der sozialdemokratischen/kommunistischen Position liefert. Eine gefühlvolle Handlung, lebensnahe Figuren und eine gut recherchierte Herausarbeitung der historischen Entwicklungen machen diesen Roman zu einem überaus überzeugenden Gesamtwerk!

4,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen