Mittwoch, 18. März 2015

Filmkritik: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins


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Inmitten des Prager Frühlings des Jahres 1968 lebt der Chirurg Tomas ein ungezwungenes, leichtes Leben. Mit zahlreichen Frauen hat er kurze Affären, nur die Künstlerin Sabina geht ihm sowohl körperlich als auch intellektuell unter die Haut. Während eines beruflichen Aufenthaltes in einem Kurort lernt er die junge Kellnerin Teresa kennen, die eines Tages unvermittelt in seiner Wohnung auftaucht. Tomas ist zunächst belustigt, doch bald entwickelt er tatsächlich innige Gefühle für Teresa, heiratet sie sogar. Sabina gibt er jedoch nicht auf und es entsteht eine genauso eigentümliche wie innige Dreiecksbeziehung. Mit dem Einmarsch der sowjetischen Armee endet nicht nur gewaltsam der Prager Frühling, auch für Tomas, Teresa und Sabina wird nichts mehr sein, wie es war…

Milan Kundera kann man wohl den bekanntesten tschechischen Gegenwartsautoren nennen, dessen Gesamtwerk Romane, Theaterstücke, Essays und Kurzgeschichten umfasst. 1984 veröffentlichte er mit ‚Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins’ seinen bis heute bekanntesten Roman, der weltweit sowohl von den Lesern als auch seitens der Kritiker gefeiert wurde. Seine virtuos verschlungene Liebesgeschichte vereinte Anspruch und Unterhaltung, war, obwohl fiktional, sehr nah an Kunderas persönlichem Schicksal und hielt im Laufe der Jahre auch Einzug in den Unterrichtsplan deutscher Schulen.
Eine Verfilmung war angesichts dieses enormen Erfolgs nur eine Frage der Zeit und 1987 war es schließlich der amerikanische Regisseur Philip Kaufman, dem das unerwartete Kunststück gelang, die Buchvorlage in einen genauso kraftvollen wie poetischen Film zu adaptieren.
Literaturverfilmungen sind oft eine knifflige Angelegenheit, wie kann man die Bilder, die während des Lesens im Kopf entstehen, richtig umsetzen? Kaufman, der auch das Drehbuch mit verfasste, macht gar nicht erst den Fehler, den Roman Seite für Seite abzudrehen. Vielmehr geht es ihm darum die Stimmung, die fragile Atmosphäre zwischen Liebe, Sinnlichkeit und Verlust, die Kundera mit sprachlicher Wucht vorgab, einzufangen. Dazu findet er wunderschöne Bilder in langen Kameraeinstellungen, die oft wie Gemälde anmuten.
Die Protagonisten scheinen sich beinah surreal zu umkreisen und in ihrer ganz eigenen Welt zu leben, jenseits jeder politischen Wirklichkeit, die dann schlagartig durch die Panzer, die in Prag einrollen, Einzug hält und die Karten neu mischt. An diesen Stellen erhält der Film etwas fast Dokumentarisches, nicht allein weil Originalaufnahmen aus dem Jahr 1968 eingeblendet werden, auch die Erzählweise ändert sich, wird unruhiger und dadurch authentischer.
Die sinnliche Leichtigkeit schwingt dennoch stets mit. Die Schicksale von Tomas, Teresa und Sabina bleiben untrennbar miteinander verbunden. Es ist eine besondere Mischung aus ergreifender Nähe und respektvoller Distanz, durch die man nach und nach die Figuren und ihre Entwicklungen immer besser versteht, wie die zarte, zunächst etwas naive Teresa, die sich durch die Umstürze der Zeit zu einer selbstbewussten Fotografin und Aktivistin entwickelt und sich so aus der emotionalen Abhängigkeit von Tomas befreit, der sich wiederum immer mehr zu verlieren droht.
Nie findet eine Wertung statt, es gibt keine Helden oder Antigonisten, die Charaktere handeln irrational, auch egoistisch, gerade so werden sie immer glaubwürdiger, eben menschlicher. Die Wendungen erscheinen dadurch, wenn auch manchmal grausam, stets lebensnah. Neben tieftraurigen Momenten gibt es Augenblicke voller Warmherzigkeit wie auch Witz und Skurrilität.
Die Besetzung ist schließlich der ultimative Coup. Das Liebestrio ist mit Daniel Day-Lewis als Tomas, Lena Olin als Sabina und der blutjungen Juliette Binoche als Teresa umwerfend gut gewählt und zumindest ich konnte nach Sicht des Films das Buch nicht mehr lesen, ohne an Day-Lewis’ unnachahmlich sinnlichen Blick zu denken. Hier schafft es eine Verfilmung tatsächlich, mit der literarischen Vorlage eine direkte Verbindung einzugehen und doch für sich zu stehen.

Fazit

Eine Literaturverfilmung wie sie eigentlich nicht besser gelingen kann, denn nicht die haargenaue Umsetzung der Vorlage steht hier im Vordergrund. Vielmehr wird die Atmosphäre des Buches perfekt eingefangen und in hypnotisch schöne Bilder mit intelligenten Dialogen voller schlagfertigem Wortwitz umgesetzt. Hier haben die Filmemacher nicht einfach einen Roman Seite für Seite abgefilmt, sondern sich mit der Intention und Vision des Autoren auseinandergesetzt.
Perfekt besetzt ist die Adaption des Bestsellers von Milan Kundera sowohl eine kraftvolle Liebesgeschichte wie auch authentisch anmutende Geschichtslektion, die bis zur letzten Minute packt und deren Figurenschicksale tief berühren und nachwirken. Sehr sehenswert!

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