Freitag, 13. März 2015

Der Vogelmann (Mo Hayder)


Goldmann Verlag
Taschenbuch
978-3-442-45173-9
9,95 €

Ein kurzer Einblick 

Ein grauenhafter Anblick erwartet Detective Inspector Jack Caffery und sein Team von der Londoner Polizei in der Nähe der Themse: fünf Frauenleichen, entsetzlich misshandelt und offenbar Opfer desselben Täters. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass den Frauen posthum ein lebender Vogel neben das Herz gesetzt wurde – intern ist daher vom ‚Vogelmann’ die Rede. Während seine Kollegen den Täter im Milieu der Opfer, die Stripperinnen oder Prostituierte waren, vermuten, folgt Caffery entgegen offizieller Widerstände einer anderen Spur, die ihn ins Greenwich Viertel führt, wo er im Umfeld einer der Toten die Malerin Becky kennenlernt. Bald entwickelt er mehr als berufliche Gefühle für die Künstlerin und durch sie scheint er dem Killer immer näher zu kommen. Was er nicht weiß: Die Zeit drängt -  Der ‚Vogelmann’ hat bereits sein nächstes Opfer im Visier…

Bewertung

Mit ‚Der Vogelmann’ legte die englische Autorin Mo Hayder den ersten von bislang sieben Romanen um den Detective Inspector Jack Caffery vor und schuf einen gradlinig geschriebenen, vielschichtigen Thriller, dessen düstere Atmosphäre sowohl durch die Mördersuche als auch der detailreichen Milieuschilderung der dunklen Ecken Londons und nicht zuletzt der genauen Charakterisierung des Hauptermittlers beeindruckt.  
Hayder schildert präzise, stellenweise brutal offen die Morde und die Opfer. Man glaubt sich hautnah dabei, das geht an die Nieren, besonders die gedanklichen Abgründe, an denen der Täter den Leser teilhaben lässt, schockieren zutiefst.
Die Suche nach dem Serienkiller steht zwar im Vordergrund und hält bis zum Schluss eine nervenzerreissende Spannung, doch es ist die mindestens genauso packende Nebenhandlung um Jack Caffery, die umso mehr verstört: Seit Jahren lebt Caffery quasi Tür an Tür mit dem Mann, den er für den Mörder seines Bruders hält, der als Junge spurlos verschwand. Ein beklemmendes Psychoduell findet zwischen den beiden Männern statt, welches auch Cafferys Privatleben nachhaltig beeinflusst und prägt. Als Ermittler brillant und intuitiv, ist er in seinen eigenen vier Wänden ein Besessener, den nur der Gedanke an Gerechtigkeit antreibt und scheinbar nichts anders zulässt, auch keinen Menschen an seiner Seite.
Es gibt in der Geschichte der Kriminalliteratur einige kaputte oder labile Kommissare, doch Mo Hayders Jack Caffery ist schon ein besonderer Fall: Zwar charmant und kollegial, ist er doch ein Eigenbrötler, beziehungsunfähig und ich-bezogen, stets am Rande eines Zusammenbruchs, eine tickende Zeitbombe. Hier zeigen sich die literarischen Hauptmotive Hayders, die sich auch konsequent durch ihre nachfolgenden Romane ziehen: Schuld und Vergebung, Rache und Gerechtigkeit, die Vergangenheit, der man nie entkommen kann. Cafferys persönliche Dämonen verfolgen ihn stets, ein klarer Abschluss scheint ihm verwehrt zu bleiben.

„Eine Woge der Müdigkeit ergriff seinen ganzen Körper. Bewegungslos lag er da, atmete durch die Nase und dachte absurderweise und voller Selbstmitleid, dass dies alles Pendereckis Schuld war. Dass Penderecki ihm einen Stein ins Herz gepflanzt hatte, der ihn daran gehindert hatte, gut und gesund aufzuwachsen, der ihn von einem Grundrecht ausgeschlossen hatte, dem Recht zu lieben.“ (Seite 206)

Beide Erzählstränge greifen, obwohl sie doch nichts miteinander zu tun haben, untrennbar ineinander, der Leser merkt schnell, dass es kein wohliges Durchatmen gibt, sobald Caffery nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt und sich ein Glas Whisky eingisst. Hier findet eine ganz andere Art Kampf statt.
Leider beschränkt sich Hayders packende Charakterschilderung auf den charismatischen Hauptermittler und seine tragische Vergangenheit. Gerade die Frauenfiguren sind stellenweise beinah ärgerlich schemenhaft: Die Freundin ist manipulierend und aufdringlich, die weiblichen Kollegen schmelzen allesamt bei Cafferys Anblick dahin, die Ladies in Greenwich sind anzüglich und derb. Auch die anfangs durchaus interessante Becky handelt bald derart naiv, dass man sich erstaunt die Augen reibt. Und der interne Rivale ist natürlich ein arroganter Ehrgeizling, der sich überdies auch noch als Rassist entpuppt. Hier hat Hayder leider kein gleichwertiges intellektuelles Pendant zu Caffery aufbauen können.
Dennoch ist ‚Der Vogelmann’ ein grandioser Ausnahmefall in der Welt des Thrillers. Es geht der Autorin nicht einfach nur um eine Mordserie, um den reinen Schockeffekt. Vielmehr ist die Handlung voller Querverweise auf Missbrauch, Rache und Besessenheit, zudem ein authentischer Blick auf die Londoner Hinterwelt jenseits der typischen Touristenziele. Das hebt den Roman nachhaltig ab vom üblichen Krimi-Einerlei. Unbedingt anschließen sollte man, wenn ‚Der Vogelmann’ gefallen hat, mit dem Nachfolger ‚Die Behandlung’, dessen Finale den Leser noch verstörter als hier zurücklässt.

Fazit

Düster, knallhart und verstörend – Ein starker Magen ist unbedingt von Vorteil bei der Lektüre von Mo Hayders ‚Vogelmann’. Ungeschönt schildert sie sowohl brutale Morde wie auch die seelischen Abgründe von Täter und Ermittler. Zwar ist mancher Charakter gefährlich nah am Klischee, das nimmt man aber gern in Kauf angesichts der atemlosen Spannung, die bis zur letzten Seite nicht nachlässt. Ein Psychothriller im besten Sinne, hier ist das tatsächliche Geschehen von genauso starker Bedeutung wie das, was sich in den Köpfen der Beteiligten abspielt. Ein klasse konzipierter Krimi, der auch dank der starken Hauptfigur lange nachwirkt und Auftakt einer der besten Krimi-Reihen aus England ist. Lesenswert!

4 von 5 Punkten

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