Freitag, 13. Februar 2015

Rezension: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! (Christoph Schlingensief)


btb-Verlag
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-442-74070-3
8,99 €

Ein kurzer Einblick

2008 wird bei dem Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief Lungenkrebs festgestellt. Im Laufe der folgenden Monate beginnt Schlingensief mit einem Diktiergerät Gedanken und Momentaufnahmen seines Lebens festzuhalten: Zwischen Chemotherapie und Operationen sinniert er über Leben und Tod, setzt sich intensiv mit Glück, Wut und Trauer auseinander, aber auch mit seinem Glauben an Gott. „Ich bin gerne auf der Welt. Ich möchte gerne auf der Welt Dinge tun.“ Der Erschütterung über die Krebsdiagnose folgt eine leidenschaftliche Lust aufs Leben.
Schlingensief stürzt sich in neue Projekte, treibt unermüdlich vor allem seinen Herzenswunsch nach einem Operndorf in Afrika voran, hofft auf eine Zukunft mit Lebensgefährtin Aino, vielleicht auch mit einem gemeinsamen Kind  – und wird doch immer wieder von der verhassten Krankheit ausgebremst. Schwankend zwischen Hoffnung, verzweifelter Wut und nackter Angst stellt der Künstler fest: „Ich habe keinen Bock auf Himmel“. Und entdeckt das Leben mit allem, was es bedeutet und innehat, noch einmal vollkommen neu.

Bewertung

Tiefe Trauer erfasste die Kunstszene über die Grenzen Deutschlands hinaus, als Christoph Schlingensief am 21. August 2010 erst 49jährig den Kampf gegen den Krebs verlor. Er hatte die Öffentlichkeit teilhaben lassen an seiner Krankheit und bis zum Schluss voller Optimismus und ungebremster Lebenslust auf Genesung gehofft.
Provokation und Extrovertiertheit begleiteten ihn und seine Aktionen stets – umso größer ist das Erstaunen, wenn man dieses unglaublich ehrliche, sensible Protokoll seiner letzten Lebensjahre liest. Schlingensief erklärt im Vorwort, es sei  keine Kampfschrift, sondern ein Dokument seiner Erkrankung, und so erlebt der Leser einen intensiven wie erschütternden Bericht eines Menschen zwischen Wut über den Verrat des eigenen Körpers und tief empfundenen Glücksmomenten.
Tatsächlich liest es sich wie ein klassisches Tagebuch, die Einträge sind spontan, emotional, manchmal irrational. Nichts wirkt gestellt oder vorformuliert, Schlingensief schildert seine Empfindungen und Erlebnisse aus dem Bauch heraus, jede Seite kann einen Stimmungswechsel bedeuten. Ist er an einem Tag noch voller Tatendrang, beschreibt er nur kurze Zeit später die Müdigkeit, die ihn aufs Sofa fesselt. Von der Überzeugung, wieder gesund zu werden, befällt ihn bald darauf die Angst vor dem Tod.
Mit gnadenloser Ehrlichkeit beschreibt er auch die Beziehung zu Aino, seiner Freundin, die er noch kurz vor seinem Tod heiratete und die bis zum Ende an seiner Seite blieb, obwohl er einige Male versuchte, sie um ihrer selbst willen zu vertreiben, im Glauben es allein schaffen zu müssen:

„Habe versucht, sie wegzuekeln, weil ich das allein durchziehen muss. […] Ich will alleine sterben. Die soll zu ihren Proben gehen und sich dort einen anderen suchen.“ (Seite 67)


Doch Aino bleibt und es entstehen innige Gespräche über Liebe, Verlust und Gott. Überhaupt ist der Glaube und das Verzweifeln an Gott wie ein roter Faden, der sich durch Schlingensiefs Gedanken und Unterhaltungen zieht, ob mit Freunden und Kollegen oder im inneren Dialog mit seinem verstorbenen Vater.

„Gott ist ein Schmerzsystem. Gott hat nichts mit Freude zu tun. Wenn sich jemand freut – ja gut, das soll dann auch Gott sein. Aber wenn jemand leidet, heißt es gleich. Da hat sich also Gott für ihn eine Prüfung ausgedacht.“ (Seite 210)

Es berührt und erschüttert, den stets so angriffslustigen, selbstbewussten Schlingensief, der sich 2004 während der Proben zu seiner Bayreuther ‚Parsifal’-Inszenierung gar mit dem Wagner-Clan anlegte, derart verletzbar zu erleben. Ungeschützt lässt er den Leser teilhaben an schmerzhaften Behandlungen in Kliniken genauso wie in Momenten tiefer Selbstzweifel und hoffnungsvollen Zukunftsplänen. Diese Offenheit ist schonungslos und sehr persönlich, fernab jeder Selbsthuldigung – vielmehr geht Schlingensief stellenweise sehr hart mit sich selbst und seinem Leben ins Gericht.
Mit einer Mischung aus Traurigkeit, Melancholie, tatsächlich aber auch voller Freude und ansteckender Inspiration begleitet man einen Menschen, der das Leben so sehr liebt und sich auseinandersetzen muss mit der eigenen Sterblichkeit, wütend nach dem „Warum“ fragt, staunend scheinbar banale Dinge neu betrachtet.
Am Ende schließt man mit einem weinenden und einem lächelnden Auge das Buch, atmet tief durch und empfindet vielleicht auch auf einmal den Blick aus dem Fenster mit neu erwachter, bewusster Lebensfreude, sieht Sonne und Wolken wie zum ersten Mal.

Fazit

Selten war ich nach einer Lektüre derart bewegt und aufgewühlt wie nach ‚So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein’. Wer Schlingensief einmal im Interview erlebt hat, weiß um seine sprachliche Virtuosität, hier entfaltet sie noch einmal eine ganz eigene Intensität.
Man muss jedoch kein Fan des Künstlers Christoph Schlingensief sein, um dieses Buch zu würdigen. Hat er mit seinen Aktionen sicherlich des Öfteren polarisiert, ist sein ‚Tagebuch einer Krebserkrankung’ schlicht ein wunderschönes wie trauriges Vermächtnis: Ehrlich, wuchtig und menschlich.
Tatsächlich muss ich ihm doch widersprechen: Dies ist eine Kampfschrift! Nicht gegen die Krankheit oder den Tod, sondern für das Leben. Bis zur letzten Seite spürt man Schlingensiefs unbändige Lebenslust und -willen. Und welche unersetzbare Lücke er hinterlassen hat. Ein Buch, das lange nachwirkt und gerade deswegen unbedingt lesenswert ist.

5 von 5 Punkten

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