Freitag, 20. Februar 2015

Rezension: Ruhelos (William Boyd)


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Berlin Verlag
Taschenbuch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8333-0536-8
9,99 € 

Ein kurzer Einblick

Oxford 1976: Eine anhaltende Sommerhitze hält England in Schach, auch Ruth Gilmartin, bis das auffällige Verhalten ihrer Mutter Sally ihre Aufmerksamkeit erregt. Beinah manisch observiert diese den Wald hinter ihrem Garten, verlässt das Haus ausschließlich in einem Rollstuhl, den sie eigentlich gar nicht braucht, beantwortet das Telefon nur nach einem vorab verabredeten Klingelzeichen. Schließlich eröffnet Sally ihrer verblüfften Tochter die abenteuerliche Erklärung, die zurück in das Jahr 1939 führt: Tatsächlich heißt sie Eva Delektorskaja und wird, nachdem ihr Bruder ermordet wurde, in Paris für den britischen Geheimdienst angeworben. Nach und nach lässt sie Ruth teilhaben an ihrer Vergangenheit als Spionin in einer unberechenbaren Welt voller Verrat, Intrigen und Manipulation. Eine Welt, die sie scheinbar bis in die Gegenwart verfolgt: Eva ist davon überzeugt, dass ihr Leben in Gefahr ist. Nach anfänglicher Skepsis wird auch Ruth misstrauisch, denn auch in ihrem bislang unspektakulären Leben ereignen sich seltsame Dinge…

Bewertung

William Boyd gehört zu den bedeutendsten englischsprachigen Autoren der Gegenwart, verfasste neben Romanen wie ‚Unser Mann in Afrika’ auch Drehbücher, Essays und Kurzgeschichten. Die Welt der Agenten scheint ihn zu faszinieren, immerhin veröffentlichte er 2013 mit ‚Solo’ einen offiziellen James-Bond-Roman. Mit ‚Ruhelos’ legt er einen auf den ersten Blick beinah klassischen Spionagethriller vor, voller Intrigen, Verfolgungsjagden, überraschenden Wendungen und undurchsichtiger Gestalten, die inmitten der Wirren des 2. Weltkrieges ihren Vorteil suchen. Niemanden ist wirklich zu trauen, Gefahr lauert hinter jeder Ecke.
Zumindest streckenweise scheint das Thrillerelement für Boyd jedoch lediglich ein Aufhänger zu sein: Bindungsunfähigkeit, Einsamkeit, Paranoia - Subtil und mit psychologischer Tiefe bindet der Autor verschiedene Elemente in seine Geschichte ein. 
Zudem gelingt es ihm mit wuchtiger Sprache, gleich zwei Epochen glaubhaft zu schildern, die rastlose, unüberschaubare Zeit des Weltkrieges wie auch die politischen Umstürze im England der 1970er. Hier spürt man auch die genaue Recherche, die er betrieben haben muss, besonders wenn es um die Rolle der Geheimdienste im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland geht, wobei auch zweifelhafte Methoden gerechtfertigt werden. Moral, Idealismus, Pazifismus - welche dieser Eigenschaften erscheinen noch realistisch angesichts des Terrors der Nazis? Sind sie nicht eher ein Luxus, den man sich nicht mehr leisten darf?
Zentral sind die zwei stark geschriebenen Frauencharaktere, Mutter und Tochter, Eva alias Sally und Ruth, wobei erstere durch ihre geheimnisvolle Vergangenheit den Leser noch stärker fasziniert. Eva ist nach ihrer Schulung bald die perfekte Spionin, schlüpft in immer neue Identitäten, ist in der Lage sich jeder Situation aufs neue anzupassen. Damit stellt sich jedoch auch immer wieder die Frage nach ihrer eigenen Identität, ihrer wahren Persönlichkeit. Wer bin ich, wenn ich eigentlich nie ich selbst bin? Ein eigenes Leben existiert nicht mehr, persönliches Glück erscheint als etwas Unerreichbares, beinah Abstraktes.
Der Gedanke an ein Leben als Agentin im Kampf gegen das Böse imponiert und verführt:

„Auch Eva versuchte zu schlafen, aber in ihrem Kopf arbeitete es unablässig. Sie spürte eine seltsame Erregung: Das war etwas Neues, mehr noch, es wurde ernst – deutsche und britische Agenten, Geheimdienstverhandlungen mit einem deutschen General -, wie lächerlich dagegen das Abschütteln von Verfolgern in der Princess Street.“ (Seite 101)

Doch Boyd vermeidet eine verklärende Romantisierung der Spionage. Die Verführung weicht bald der Erkenntnis, dass man bereit sein muss, alles zu tun, um hier zu überleben. Das Agentenleben ist Kampf und Geschäft, durchzogen von kalter Brutalität, welche zeitweise an Zynismus grenzt.
Mit feinsinniger Beobachtungsgabe baut Boyd eine zunehmend bedrohliche Atmosphäre auf, die sich schleichend überträgt: Als Leser leidet man selbst irgendwann unter Verfolgungswahn, jede neue Figur ist suspekt, jeder Satz erscheint doppelbödig. Selbst ungemein sympathisch beschriebenen Personen will man nie so recht trauen. Man ist mittendrin und verfolgt atemlos die Aktionen der Protagonistin, die mit klarem, fast nüchternem Blick für noch so kleine Details beschrieben werden.

„Hätte sie ihn nicht getötet, hätte er sie getötet, wenige Augenblicke später. Geplant hatte sie nur, ihm ins Auge zu stechen und zu fliehen. Schließlich hatte sie nichts als einen gespitzten Bleistift – seine Augen waren das einzig sinnvolle Ziel, wenn es darum ging, ihn außer Gefecht zu setzen.“ (Seite 261)

Das ist zwar sprachgewaltig und virtuos, manchmal jedoch vielleicht wegen der oben genannten Klarheit auch irritierend emotionslos. Zumindest stellenweise fiel es mir schwer, eine Beziehung zu Eva zu entwickeln. Zwar fiebert und fühlt man unentwegt mit, doch eine echte Identifikation wird (vielleicht auch absichtlich) unterbunden. Der Spannung tut dies keinen Abbruch, dafür sorgt vielmehr die etwas lang gezogene Rahmenhandlung um Ruth und ihren Sohn Jochen, die zwar bestens unterhält, gelegentlich aber auch wie ein erzwungener Pausenfüller für die eigentliche Geschichte rund um Eva anmutet. Weniger wäre hier wohl mehr gewesen.
Doch damit keine Missverständnisse aufkommen: ‚Ruhelos’ ist großartige, beeindruckende Literatur! Von der ersten Seite an ist man derart gepackt von der klug konzipierten Geschichte und ihren einnehmenden Figuren, dass man kleine Durchhänger gerne verzeiht. Dafür ist der Suchtfaktor einfach zu groß.

Fazit

Hier ist der Buchtitel wirklich Programm: Ruhe finden weder die Charaktere noch der Leser. William Boyd baut einen wunderbar verschachtelten Plot mit rätselhaften Figuren und Geschehnissen auf, der nach und nach einen Sog entwickelt, dem man sich nicht mehr entziehen kann geschweige denn will.
‚Ruhelos’ ist sowohl Thriller als auch authentisches Zeitportrait gleich zweier Epochen, detailreich, hintersinnig und hoch spannend, voller überraschender Wendungen und eindrucksvollen Momenten, die haften bleiben. Einen rein klassischen Spionageroman à la John le Carré sollte man eher nicht erwarten, dafür eine genauso dramatische wie vielschichtige Geschichte, die einen bis zum Schluss in Atem hält. Zwar besteht die ein oder andere inhaltliche Länge, die wird jedoch durch die starke Sprache und einnehmende Atmosphäre mehr als wettgemacht!

4 von 5 Punkten

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