Dienstag, 3. Februar 2015

Rezension: Haus der Geister (John Boyne)

Piper Verlag
Klappenbroschur, 336 Seiten
ISBN: 978-3-492-06004-2
16,99 €

Ein kurzer Einblick

England 1867: Die junge Lehrerin Eliza Caine hat soeben ihren geliebten Vater verloren und will ihr bisheriges Leben in London hinter sich lassen, da kommt ihr die Anzeige, dass in Gaudlin Hall in der Grafschaft Norfolk eine Gouvernante gesucht wird, gerade recht. Ohne lang zu überlegen, nimmt sie die Stelle an und reist nach Norfolk. Als sie in Gaudlin Hall ankommt, muss sie jedoch zu ihrer Überraschung feststellen, dass scheinbar nur ihre beiden Schützlinge, Isabella und Eustace, ohne Eltern und Personal auf dem Anwesen leben. Bis es zu einigen seltsamen Zwischenfällen kommt und Eliza erkennen muss, dass sie eben doch nicht allein sind…

Bewertung

Im Oktober des letzten Jahres kam dieses neueste Werk von John Boyne in die deutschen Buchläden, der sich zu einem meiner gegenwärtigen Lieblingsautoren entwickelt hat, so dass ich selbstverständlich auch sein neues Buch lesen wollte, auch wenn es mir vom Inhalt her weniger als seine anderen Romane zusagte, sollte es sich doch um eine Gruselgeschichte handeln und diesmal nicht um ein historisches Ereignis herum aufgebaut werden, was seinen mir bekannten anderen Werken immer noch eine besondere Note gab. So fällt es auch gegenüber seinen anderen Romanen ein wenig ab. Zum einen kommt überhaupt kein Grusel auf, obwohl ich sogar jemand bin, der dafür sehr anfällig ist und deshalb solche Bücher eher meidet. Es wird eher sehr nüchtern erzählt und sehr schnell deutlich gemacht, dass der Hauptfigur eigentlich nicht viel passieren kann. Zum anderen ließen mich die Figuren und ihr Schicksal, auch das von Eliza und der Verlust ihres Vaters, eher kalt. Dem Autor gelingt es nicht, dass man als Leser mit ihnen mitfiebert. Außerdem waren die wesentlichen Elemente der Geschichte sehr schnell vorhersehbar, was ich bei Boyne sehr oft beobachte und mich immer frage, ob er dies beabsichtigt und damit versucht zu spielen. Man überlegt immer wieder, ob des Rätsels Lösung so simple sein kann und leider ist sie es in den meisten Fällen wirklich. Das Ende gefiel mir ein wenig besser, da es noch einen kleinen Überraschungseffekt ganz zum Schluss bietet, und die Geschichte hat zum Teil ein wenig von „Jane Eyre“, was sie dann aber auch etwas abgekupfert erscheinen lässt.
Auch wenn die Handlung einige Schwächen aufweist, gelingt es Boyne wieder einmal sehr überzeugend, seine Handlungsorte – London und Gaudlin Hall mit seinem kleinen Dorf in der Nähe – bildhaft darzustellen. Wenn man schon nicht in der Geschichte versinkt, so taucht man doch sehr tief in das viktorianische London und das dazu sehr kontrastreich dargestellte ländliche Norfolk ein, die vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen und ihn mit den Figuren diese Gegenden entdecken lassen. Zusätzlich lässt sich der Roman sehr angenehm lesen, fesselt trotz der erwähnten Schwächen doch meistens sehr und lädt mit Miträtseln ob der seltsamen Begebenheiten in Gaudlin Hall ein. Negativ zu erwähnen sind allerdings noch einige Rechtschreib- und Tippfehler, die vom Verlag hätten verbessert werden können und das Gesamtbild zusätzlich ein wenig trüben, wie auch der recht happige Preis angesichts der doch nicht besonders langen Geschichte. 

Fazit

Dies ist das erste Mal, dass mich ein Werk von John Boyne ein wenig enttäuscht hat. Es ist eindeutig eins der schwächeren Bücher von ihm, kann aber immer noch gut unterhalten und fesseln. Wer allerdings nach einer wirklich guten, alten Spukgeschichte sucht, sollte vielleicht zu einem anderen Roman greifen, wirklich gruseln kann man sich hier nicht.

3,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen