Dienstag, 17. Februar 2015

Rezension: Die Schlacht im Teutoburger Wald (Reinhard Wolters)

Verlag C. H. Beck
Gebundene Ausgabe, 255 Seiten
ISBN: 978-3-406-57674-4
19,90 €

Ein kurzer Einblick

9 n. Chr. in Germanien: das etwa drei Legionen umfassende Heer des Publius Quinctilius Varus, Legat des Augustus, wird in einen Hinterhalt gelockt und in wenigen Tagen vollständig vernichtet. Dieses uns als „Schlacht im Teutoburger Wald“ bekannte Ereignis hatte langfristig zur Folge, dass Rom von einer Expansion rechts des Rheins absah und in diesem Gebiet Germaniens keine Romanisierung statt fand. Der Althistoriker und Archäologe Reinhard Wolters räumt in diesem Werk mit zahlreichen Mythen rund um diese Schlacht auf, schildert die Schlacht, die ihr vorausgegangene römische Germanienpolitik, die Hauptakteure, Arminius und Varus, ihre zeitgenössische Bedeutung auf der Basis schriftlicher und archäologischer Quellen und erläutert die wechselnde Wahrnehmung der Schlacht und des Arminius, der zum Befreier Germaniens stilisiert wurde, im Laufe der Jahrhunderte.

Bewertung

2009 jährte sich die Schlacht im Teutoburger Wald bzw. Varusschlacht zum 2000. Mal, es fanden große Ausstellungen in Westfalen statt, man konnte endlich nach einigen Funden in Kalkriese bei Osnabrück einen möglichen Ort der Schlacht präsentieren und viele Althistoriker überschlugen sich geradezu mit Publikationen zu der Thematik. Eins der damals entstandenen Bücher ist dieses Werk vom bekannten Althistoriker und Archäologen Reinhard Wolters, der sich bereits lange mit den römisch-germanischen Beziehungen beschäftigt, was man seinem Buch direkt anmerkt. Bevor näher auf die Varusschlacht eingegangen wird, bettet er diese erst einmal in ihren historischen Kontext ein. Die Germanienpolitik unter Augustus, dessen Stiefsohn Drusus ab 12 v. Chr. rechtsrheinische Operationen leitete, wird geschildert, auf rechtsrheinische Militäranlagen und Städte eingegangen und auch die Frage erörtert, ob es vor der Varusschlacht eine römische Provinz in Germanien gab. Ferner werden die Hauptprotagonisten, Varus und Arminius, der Führer der Germanen, und ihr Lebenslauf näher vorgestellt, woraufhin anhand der vorhandenen antiken schriftlichen Quellen der Schlachtablauf rekonstruiert und auf ihre weitere Bedeutung und ihre oftmals angenommene Rolle als epochale Wende eingegangen wird. Ein Kapitel widmet sich auch ausführlich der Suche nach der Örtlichkeit oder den Örtlichkeiten der Kämpfe und geht der Frage nach, ob mit Kalkriese nun wirklich endlich der Ort der Varusschlacht gefunden wurde, um dann noch in einem letzten Schritt sehr detailliert auf die Entwicklung von Arminius zum deutschen Hermann über die Jahrhunderte bis heute einzugehen und seine Nutzbarmachung für nationale Interessen zu verdeutlichen.
Zur Darstellung der vielen angesprochenen Punkte nutzt Wolters numismatische und archäologische Funde und die vorliegenden antiken Texte, die nach meinem Geschmack etwas mehr hätten wörtlich zitiert werden können. Zwar belegt er all seine Aussagen wie bei Sach- und Fachbüchern üblich, doch da man schließlich selten all die antiken Texte zu Hause vorliegen hat, nützen einem die Verweise leider nicht immer etwas, so dass mehr wörtliche Zitate wünschenswert gewesen wären. Wolters gibt sich glücklicherweise bei dieser Thematik, die von allerhand Mythen und Legenden umgeben ist, keinerlei Spekulationen hin. Er zeigt, was wir über die Schlacht, ihre Bedeutung und ihre Rezeption wissen können, gibt aber auch offen Lücken aufgrund von Quellenmangel zu und füllt diese nicht mit Vermutungen. So räumt er mit einigen gängigen Annahmen rund um die Varusschlacht auf und dies nicht wissenschaftlich trocken, sondern spannend und interessant erzählt. Außerdem ist das Buch sehr allgemein verständlich formuliert und sicherlich auch für Geschichtsinteressierte ohne viele Vorkenntnisse zu verstehen, auch wenn diese natürlich bei der Lektüre nicht schaden.
Wolters bietet schlichtweg alles Wissenswerte zum Thema „Schlacht im Teutoburger Wald“, wenn ich mir ein paar Aspekte auch ein wenig ausführlicher gewünscht hätte, was mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten überaus gelungenen Werk ist. Er verbindet überzeugende historische Arbeit, eine sehr gute und tiefgehende Quellenkritik mit einer überaus interessanten Thematik, die prädestiniert dafür ist aufzuzeigen, wie wandelbar unser Bild von einem historischen Ereignis über die Jahrhunderte ist (das im Mittelalter komplett vergessen war und erst ganz zum Ende des Spätmittelalters durch die Wiederentdeckung der Schriften des Tacitus überhaupt erst wieder bekannt wurde) und wie willkürlich etwa die Benennungen von Personen oder Namen ist, bzw. eine Folge vieler Fehldeutungen und Missverständnisse. Dies zeigt Wolters vor allem in den hinteren Kapiteln, die wirklich herausragend gelungen sind und ihn wirklich als absoluten Kenner seines Faches präsentieren. Einige Abbildungen und Karten runden dieses sehr gelungene Buch zusätzlich noch ab und lassen den Leser die Ausführungen auch visuell verfolgen.

Fazit

Meine Meinung zu diesem Buch ist sicherlich bereits überdeutlich geworden. Es ist eine überaus überzeugende Arbeit zur Schlacht im Teutoburger Wald, die alles Wissenswerte zum Thema informativ, quellengestützt und auf dem höchsten fachlichen Niveau, was Historiker zu leisten im Stande sind, darstellt und sich dazu noch äußerst spannend liest. Noch besser kann man die Varusschlacht nicht behandeln, demnach gibt’s von mir eine absolute Leseempfehlung an all diejenigen, die sich gern mit der römischen und auch germanischen Geschichte beschäftigen!

4,5 von 5 Punkten

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