Montag, 9. Februar 2015

Rezension: Der Zug war pünktlich (Heinrich Böll)

dtv
Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-423-00818-1
7,90 €

Ein kurzer Einblick

Heinrich Bölls 1949 erschienene, erste Buchveröffentlichung widmet sich dem jungen Soldaten Andreas, der im Herbst 1943 vom Fronturlaub irgendwo im Ruhrgebiet mit dem Zug an die Ostfront zurückkehrt, mit der Gewissheit, bald nach seiner Ankunft dort sterben zu müssen. Auf seiner tagelangen Reise trifft Andreas auf verschiedenste Soldaten, die sich mit Kartenspielen ablenken, ihren Proviant miteinander teilen und ihre Sorgen mit Alkohol zu betäuben versuchen. Mit zweien (Willi und „Der Blonde“) freundet er sich ein wenig an und besucht mit ihnen gemeinsam in Lemberg während eines Aufenthalts ein Bordell, in dem er auf die Spionin Olina trifft, die dort als Prostituierte Informationen für den Widerstand sammelt…

Bewertung

Heinrich Böll war selbst während des Zweiten Weltkriegs Soldat und kann somit aus erster Hand in diesem Werk über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges berichten. Man erlebt eindringlich mit Andreas aus der Sicht eines einzelnen Soldaten, wie dieser mit den Schrecken des Krieges umgeht, er seinen potentiell (für ihn selbst sicher) bevorstehenden Tod versucht zu verarbeiten und sich auf seiner tagelangen Zugfahrt vom Leben verabschiedet. Die Handlung ist dabei sehr komprimiert auf wenige Tage begrenzt, sie setzt mit dem Beginn der Zugfahrt im Ruhrgebiet ein und endet drei Tage später kurz vor der Ostfront in der heutigen Ukraine mit einem etwas offenen Ende. In dieser Zeit erlebt man als Leser berührend und sehr einfühlsam die Gefühls- und Gedankenwelt von Andreas mit, wobei die Handlung eigentlich in der dritten Person erzählt wird, Andreas’ Gedankengänge aber immer mehr in Form eines Ich-Erzählers auftauchen, was seine Sorgen und Ängste noch intensiver herausstellt, etwa wie er versucht, sich auf seinen bevorstehenden Tod irgendwie einzustellen, dabei auch religiöse Aspekte aufgreift, viel betet, bewusster alltägliche Dinge wie Essen und Trinken oder die Landschaft und Menschen im Bahnhof wahrnimmt, sich von vielem auf dem Weg verabschiedet, wie etwa nach dem Überstreiten der Grenze von Deutschland, und je näher er dem Reiseziel und damit dem Tod kommt, auch immer weniger schläft, um die letzten Stunden noch ein wenig auszukosten. Dies wird sehr eindringlich geschildert und bewegt zutiefst, man kann sich beinahe darin reindenken, selbst ein Todgeweihter zu sein. Immer wieder versucht er sich etwa vorzustellen, wie sein Leben in ein paar Monaten oder sogar nur Tagen aussehen wird, doch dort ist einfach nichts, weil sein Leben nicht so lange anhalten wird. Er kämpft eigentlich nur noch darum, in dieser grausamen Zeit und nach all den schrecklichen Erlebnissen nach vier Jahren Krieg noch ein Mensch zu sein und als dieser zu sterben. Dies kann Böll dermaßen nachempfindbar ausdrücken, wie ich es bisher noch nicht gelesen habe. Man findet kaum die richtigen Worte dafür, um es genau verstehen zu können, muss man das Buch schlichtweg selbst lesen. 
Böll bot mit diesem Werk demnach eine sehr berührende, erschreckende Anklage gegen den Krieg, dessen Grausamkeit, Schrecken und vor allem sinnloses Verheizen von Millionen von Menschenleben eindrucksvoll herausgestellt wird, wie er auch Olina erkennen lässt: 
„das ist furchtbar, daß alles so sinnlos ist. Überall werden nur Unschuldige gemordet. Überall. Auch von uns.“ S. 110
Da es ab und zu aber auch ein paar Längen hat, vor allem zu Beginn, und ein paar Wiederholungen aufweist, kann ich nicht ganz die volle Punktzahl geben, ein bedeutendes und lesenswertes Werk bleibt es aber dennoch. Außerdem fehlte in dieser Ausgabe leider ein erläuterndes Nachwort etwa mit Informationen zur Entstehungszeit, zum Autor und zur Rezeption des Buches, was hilfreiche Aspekte zur Bewertung der Erzählung gewesen wären.

Fazit

Ein wirklich beeindruckendes Plädoyer gegen den Krieg, das tief bewegend die letzten Tage im Leben des Soldaten Andreas schildert, der sicherlich sinnbildlich für viele andere Soldaten im Zweiten Weltkrieg steht. Gleichzeitig gelingt es dem Werk aber auch, die Schönheit des Lebens und der kleinen alltäglichen Dinge hervorzuheben und ein wenig Hoffnung zu verbreiten angesichts all der Grausamkeiten in der Welt. Wirklich ein bemerkenswertes Stück Literatur!

4 von 5 Punkten

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