Dienstag, 10. Februar 2015

Filmkritik: Hamlet (1996)


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„Etwas ist faul im Staate Dänemark“: Prinz Hamlet leidet unter dem Verlust seines Vaters mindestens genauso stark, wie er seine Mutter Gertrude für ihre Vermählung mit seinem Onkel Claudius verachtet.
Erst als ihn zwei Wachposten über ein angebliches Gespenst, das des Nachts auftaucht, unterrichten, erwacht er aus seiner Melancholie und will sich selbst davon überzeugen. Tatsächlich erscheint ihm das mysteriöse Wesen und entpuppt sich als Geist des Vaters Hamlets. Kein natürlicher Tod war es, der ihn der Familie entriss, sondern kaltblütiger Mord, so berichtet der Geist, begangen vom eigenen Bruder Claudius, der nun Krone und Königin besitzt. Hamlet schwört Rache und greift zu ungewöhnlichen Mitteln: „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!“ bemerkt Polonius und nimmt bald wie alle anderen an, dass Hamlet dem Wahnsinn verfallen ist. Doch ist dies nur ein Teil des Plans, den der Prinz ersonnen hat, um die Wahrheit vom Königsmörder selbst zu erfahren – der drohenden Tragödie zum Trotz…

‚Hamlet’ gehört wohl zu den bedeutendsten Theaterstücken der Welt und ist im reichen Fundus der Werke Shakespeares eines der bekanntesten und meist zitierten. Unter dem Originaltitel ‚The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark’ wurde es 1602 in London uraufgeführt, bis heute hält sich die ungebrochene Faszination an der großen Tragödie, die sie bereits zur Entstehungszeit zu einem Publikumsliebling machte. Nicht allein die spannende Handlung, wohl besonders die starken Monologe und die genau gezeichneten Charaktere rechtfertigen den Erfolg und inspiriert auch in der Moderne Künstler und Theater- und Filmschaffende.
Es gibt einige große Filmemacher, die Shakespeare erfolgreich auf die Leinwand brachten, u.a. Laurence Olivier, Orson Welles oder Roman Polanski, aber Kenneth Branagh ist nicht nur der wohl fleißigste (bislang 6 Verfilmungen, darunter ‚Viel Lärm um Nichts’ und ‚Verlorene Liebesmüh’) , sondern läutete 1989 gerade erst 29jährig mit seinem Regie-Debüt ‚Heinrich V.’ eine wahre Renaissance der modernen Shakespeare-Verfilmungen ein, die bis heute anhält.
Mit seiner Version des ‚Hamlet’ zog er sich 1996 im Vorfeld zunächst einiges an Häme zu: Nicht nur, dass Branagh das Stück ungekürzt inszenierte, was zu einer Laufzeit von über vier Stunden führte, übernahm er auch selbst die Titelrolle und trieb mit verschwenderischer Ausstattung die Produktionskosten in ungeahnte Höhen. Manche sprachen schon von Größenwahn und prognostizierten einen Mega-Flop.
Doch wie es heißt „Ihr werdet nimmer seinesgleichen sehn!“. Das Ergebnis ließ die meisten Kritiker jedenfalls verstummen: Ein Meisterwerk aus mitreißenden, legendären Worten, schwelgerischen Bildern und einer einzigartigen Besetzung war entstanden. Verlegt ins 19. Jahrhundert entwickelt die bekannte Handlung eine ganz neue, fesselnde Spannung, die die Zeilen Shakespeares mit gleichzeitiger Ehrfurcht und wunderbarer Natürlichkeit feiert.
Das liegt auch am spielfreudigen Ensemble, dessen Star-Power einen beinah ein wenig erschlägt: Neben Branagh, Kate Winslet, Derek Jacobi und Julie Christie in den wichtigen Rollen, treten Jack Lemmon, Gerard Depardieu, Robin Williams, Billy Crystal, Judi Dench oder Richard Attenborough als Gäste auf, in jeder Szene darf man ein weltberühmtes Gesicht erwarten.
Doch auf seine Stars allein verlässt sich Branagh zum Glück nicht. Wie kaum ein anderer Regisseur versteht er es, Shakespeare traditionell und modern zugleich zu inszenieren. Die Sprache wirkt weder statisch noch theatralisch, sondern wird beinah leichtfüßig in die Handlung eingefügt, ohne in den Hintergrund zu treten, trotz der beeindruckenden Bilderwucht – allein die Eingangssequenz, in der Hamlet seinen ersten Monolog hält, ist schlicht wunderschön. Jede Szene wirkt klug überlegt und doppeldeutig, orrientiert sich an der Vorlage, gibt jedoch genauso Raum für eigene Interpretationen.
An dieser Stelle sei auch die tolle Synchronisation erwähnt, mit der ich stets sehr kritisch bin: Besonders Ulrich Mathes, der Branagh wie schon öfter seine prägnante Stimme leiht, sticht hervor und wirkt lange nach.
Zudem ist es zwar herausfordernd, aber lohnend, sich tatsächlich das komplette Stück zu Gemüte zu führen, selbst im Theater ist das ja eher die Seltenheit. Doch erst so eröffnet sich noch mal ein ganz neuer Blick auf bestimmte Figuren, ihre Entwicklungen und Hintergründe.
Branagh zeigt vor allem eines: Er hat Spass an Shakespeare! Er sieht darin keine Pflichtleküre oder Dauerhuldigung, sondern hat einfach Freude an einer spannenden Geschichte mit mitreißenden Figuren und einer einmaligen Sprache und überträgt eben diese Freude auch auf den Zuschauer.

Fazit

Bereits jetzt ist Branaghs ‚Hamlet’ ein Klassiker seines Genres. Und das zu Recht! Von der Länge sollte man sich keineswegs einschüchtern lassen, die Zeit verfliegt geradezu. Hier wird Shakespeare fürs Kino inszeniert, wie es meiner Meinung sein sollte: Respektvoll und mit frischer Lebendigkeit zugleich, dargestellt von grandiosen Schauspielern und in beeindruckenden Bildern, die die Sprache jedoch nie zum Nebendarsteller degradieren. Mich als bekennenden Shakespeare-Fan hat diese Verfilmung jedenfalls sehr glücklich gemacht! „Der Rest ist Schweigen.“

1 Kommentar:

  1. Ich muss und will es auch unbedingt noch lesen. Ich packs mir mal in meinen Einkaufswagen und hoffentlich lese ich es dann auch direkt! Tolles Fazit.

    Liebe Grüße,
    Nazurka

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