Donnerstag, 29. Januar 2015

Rezension: Die Hexenjagd von Salem Falls (Jodi Picoult)

  
Piper Verlag
Taschenbuch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-492-24011-6
10,99 €

Ein kurzer Einblick

Als der Fremde Jack St.Bride im beschaulichen Örtchen Salem Falls auftaucht, scheint es zunächst, als würde er dort schnell seinen Platz finden. Im Restaurant von Addie Peabody und ihrem Vater übernimmt er den Job als Tellerwäscher, beeindruckt mit seinen Kenntnissen bei der Quizshow Jeopardy und macht sich bald unentbehrlich. Dass etwas ungewöhnlich ist an dem hoch gebildeten, introvertierten Jack, spürt Addie schnell, doch ist er auch der erste, bei dem sie sich sicher genug fühlt, um über den Verlust ihrer Tochter zu sprechen. Eine zaghafte Romanze beginnt. Doch Jacks Vergangenheit holt ihn nicht nur ein, sie scheint sich zu wiederholen, als die junge Gillian ihn beschuldigt, sie missbraucht zu haben. Tatsächlich ist Jack ein vorbestrafter Sexualstraftäter. Doch nichts ist wirklich so, wie es auf den ersten Blick scheint…

Bewertung

Vieles beschäftigt die amerikanische Autorin Jodi Picoult in diesem Roman: Verlust, Liebe, Lügen, auch die Genres scheinen sich auf den ersten Blick ein wenig zu vermischen: glaubt man sich zunächst in einem Kleinstadt-Krimi, entsteht eine Liebesgeschichte, die in einen Justizthriller mit der Andeutung von Mystery mündet. Doch Picoult schafft es wie kaum eine andere, dass nichts davon überfrachtet oder unglaubwürdig wirkt. Im Gegenteil, je weiter man liest, desto gebannter verfolgt man das Geschehen.
Das große, übergeordnete Thema Missbrauch ist hier mehrdeutig: Missbrauch der Wahrheit, des Vertrauens, des Rechtssystems und schließlich auch der körperliche Missbrauch – alles wird auf eine so eindringliche Weise thematisiert, die ‚Salem Falls’ bei aller Spannung und flüssigen Erzählstils von den gewöhnlichen Unterhaltungslektüren abhebt. Wie auch in ihren anderen Romanen, z.B. ‚Beim Leben meiner Schwester’ oder ‚19 Minuten’, erschafft Picoult mit einem klaren Schreibstil starke, einnehmende Figuren, die einen von der ersten Seite an packen und sich als komplexer herausstellen, als man im ersten Moment vermutet.
In deutlicher Anlehnung an Arthur Millers ‚Hexenjagd’ wird erst aus Jacks, dann zunehmend aus Addies Perspektive erzählt, wie eine einzige Entscheidung zu einer fatalen Kettenreaktion führt, die schließlich das ganze Leben verändert und nachhaltig prägt. Zwar erfährt man früh die Wahrheit über Jacks Vergangenheit, doch das ist nur der Beginn von zahlreichen überraschenden Wendungen, die am Ende alles (und beinah jeden Charakter) im neuen Licht darstellen lassen.
Die Figuren und ihre Schicksale berühren genauso, wie sie den Leser noch lange und nachhaltig beschäftigen, einfachen Schwarz-Weiß-Sichtweisen verweigert sich Jodi Picoult. Das beweist sie vor allem mit dem Epilog, der sich einen Moment lang wie ein bitterer Schlag in die Magengrube anfühlt, tatsächlich aber nur unterstreicht, dass es hier einfach keine simplen Antworten geben kann.

Fazit

Die Hexenjagd von Salem Falls ist ein genauso hoch spannender wie emotionaler Roman mit starkem Plot und unvorhersehbaren Wendungen. Jede Figur und ihre Sichtweisen erhalten den nötigen Raum, so dass sich nach und nach das Bild, das man sich zu Anfang gemacht hatte, verändert.
Einfach gestrickte Unterhaltung sollte man nicht erwarten, vielmehr eine klug konstruierte Geschichte, die sich zwar flüssig lesen lässt, dafür lange nachwirkt und von beklemmender Aktualität ist. Sehr empfehlenswert!

4,5 von 5 Punkten

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