Freitag, 26. Dezember 2014

Rezension: Evil (Jack Ketchum)

Heyne
Taschenbuch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-453-67502-5
8,95 €

eBook, 7,99 €
ISBN: 978-3-641-14136-3


Ein kurzer Einblick

Jack Ketchums Psychothriller eines gefolterten Mädchens entlockt unsägliche Schrecknisse und Grauen einer Vorstadtidylle, die nur Blendwerk ist, ein Theater, dessen wahres Stück hinter der Kulisse aufgeführt wird. »Evil« ist ein Roman vom Gewaltdreieck aus Opfer, Täter und Mitläufer. Der Vorhang der Bühne ist das Schweigen der Wissenden. Irgendwo zwischen den Requisiten schreit Meg ihre geschundene Seele aus dem Leib.

Bewertung

Vater ermordete Familie und brachte sich dann selbst um. Baby ertrunken im Fluss aufgefunden. Freund erstach Freundin mit einem Messer. Familie durchbrach mit Kleinwagen Brückengeländer und starb beim Aufprall. Wie konnte es so weit kommen? Wie kann ein Mensch andere mit in den Tod reißen? Verzweiflung, Rache, Kurzreaktion aus dem Affekt? Geschieht ein solch Schrecknis, taucht in den Medien immer die gleiche Frage auf: warum? Eine Frage, die wohl nie beantwortet werden wird, zu unterschiedlich ist das menschliche Innenleben, zu schwer zu durchschauen, zu unbefriedigend zu analysieren. Das Gesetz entscheidet anhand der Vergehen und des Motives, um eine Grundlage für eine gerechtfertigte Strafe nach gesellschaftlich akzeptierter Norm in der Hand zu halten. Jack Ketchum stellt sich der mutigen Problematik des Opfers, Täters und Mitläufers. Es eskaliert eine Gräueltat, die die Seele schockiert zurücklässt.

Ruth Chandler, von ihrem Mann verlassen, zieht drei Bengel groß. Von den Kindern in der Kleinstadt wird sie geliebt, doch tief in ihrem Inneren lodert ein Feuer, das den Zorn auf die Welt beinhaltet. Ruth ist eine verbitterte, alte Frau, die ihrer Jugend nachtrauert und dringend einen Psychiater nötig hätte. Als Meg und Susan Loughlin bei ihrer Tante Ruth einziehen, findet diese endlich ein Ventil, um ihren Zorn zu entladen. Jung und hübsch entsprechen die Mädchen genau ihrem Gegenbild - oder ihrem Wunschbild des Selbst, das sie nicht mehr besitzt. Hilflos müssen Meg und Susan die Hölle über sich ergehen lassen. Kinder sind schutzlose Wesen, die den Erwachsen zu gehorchen haben. Widerstand führt zu Strafe. Widerstand gegen Strafe führt zu härterer Bestrafung. Ein Teufelskreis, der sich enger und enger um Meg schließt. Megs Maßregelung ist ein Dauerzustand des Grauens.

David, der Nachbarjunge, steht Meg bei. Heimlich gibt er ihr auf dem Schulhof Geld, sodass sie sich am Kiosk etwas zu essen kaufen kann. Schweigend sieht er den Taten Ruths zu, denn er ist ja nur ein Junge. Was soll er schon gegen Erwachsene ausrichten. Unwillkürlich wird David zum akzeptierten Zuschauer bei den Chandlers. Eines muss er sich eingestehen: Es ist faszinierend Megs Untergang zu verfolgen, die steigenden Bestrafungen mitzuerleben. Das Verbotene trägt reife Früchte, ist gleich einem heißen Verlangen zum Übeltäter zu werden.
Ruths Macht über Meg und die Kinder ist unermesslich. Sie sperren Meg in einer dunklen Kammer ein. Brandwunden von ausgedrückten Zigaretten verunstalten ihre Haut. Nackt vor den starrenden Jungs stehend, muss Meg Hasstiraden ihrer Tante über sich ergehen lassen. Folterung, Vergewaltigung - und alles fing mit Zimmerarrest an. David fühlt sich schuldig. Kann er noch zu seinen Eltern gehen, um ihnen von Meg zu erzählen? Er gesteht sich ein, dass er zum Straftäter wurde, und verweilt in der Rolle des Mitläufers. Irgendwann wird Ruths Bestrafung bestimmt enden ...

Opfer. Täter. Mitläufer. Ruth drückt die Kinder in eine Position, derer sie nicht entkommen können. Jack Ketchums Figurenzeichnung ist brilliant präzise auf den Punkt gebracht. Die Charakterisierung fein gezeichnet. Ketchum entmachtet den Status der unschuldigen Kinder und schiebt ihnen Verantwortung zu. Ebenso beschuldigt er die Gesellschaft zu sehr auf eigene Probleme zu schielen und den Schrecken der Welt auszublenden. Davids Eltern sind mit ihrem Ehekrach beschäftigt, sodass sie gar nicht merken, dass mit ihrem Sohn irgendetwas nicht stimmt. Die Menschen sind ein Haufen Moralidioten, verkommen in Selbstbezug und Ignoranz. Diejenigen, die etwas tun könnten, schweigen. Voyeure kommen bei Richard Laymon auf ihre Kosten, dürften aber bei Jack Ketchums »Evil« kotzend zur nächsten Toilette rennen. Die expliziten Beschreibungen gehen unter die Haut, schreiben den Schrecken aufs Herz. Megs Folterung ist kein Spaß, »Evil« kein Roman um der Gewalt willen. Der Schrecken ist schrecklich, Freude kommt bei diesem Roman nicht auf. Selbst als unbeteiligter Leser kommt man sich schmutzig vor.

Fazit

»Evil« ist ein bedrückendes Werk, das die Unschuld aller in die Mülltonne wirft. Warum bist Du zum Mitläufer geworden? Hat dich die Faszination der Gewalt vereinnahmt, bis ein Entkommen zu spät war? Jack Ketchums Werk ist kein Roman für Zartbesaitete. Megs Folter ist grauenhaft, Deine Seele aber ist es, die beim Lesen gebrandmarkt wird.

4 von 5 Punkten

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