Freitag, 5. Dezember 2014

Rezension: Die Brüder (Jan Guillou)

Heyne Verlag
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-453-41813-4
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Im ersten Teil der Trilogie „Die Brückenbauer“ haben wir miterlebt, wie es den beiden älteren Brüdern Lauritz und Oscar nach ihrem Studium in Dresden erging, Lauritz kehrte wie geplant nach Norwegen zurück und half die Bahnstrecke von Bergen nach Oslo zu bauen, Oscar ging nach Deutsch-Ostafrika und baute dort Bahnstrecken. Doch vom jüngsten Bruder Sverre erfuhren wir nichts mehr. Dies wird im zweiten Teil „Die Brüder“ nachgeholt, in dem wir Sverre nach England folgen, der mit seinem Liebhaber Albie, einem vermögenden Earl, in dessen Heimat reist, dort von dessen Unterstützung lebt und sich eine Existenz als Maler aufbaut, während sie ihre Beziehung nach außen hin stets verstecken müssen…

Bewertung

Ich hatte den ersten Band der Reihe „Die Brückenbauer“ vor allem aufgrund eines Interesses an der Bergenbahn, mit der ich selbst einmal gereist bin, gekauft, war dann vom Buch derart begeistert, dass ich auch die beiden weiteren Teile lesen wollte (der letzte „Die Heimkehrer“ ist vor kurzem erschienen). „Die Brüder“ ist ähnlich wie sein Vorgänger aufgebaut, es gibt einzelne sehr lange Kapitel, die die Ereignisse eines Jahres oder auch mal mehrerer Jahre erzählt, wobei zwischen den Kapitel ab und zu auch ein paar Jahre liegen, demnach einige Zeitsprünge statt finden. Die Handlung wechselt jedoch nicht zwischen verschiedenen Handlungssträngen wie im ersten Band, da nur Sverres Erlebnisse im Buch zwischen den Jahren 1901 und 1919 geschildert werden, aus dessen Sicht wir auch hauptsächlich alles miterleben. Nur zu Beginn erleben wir auch einige Dinge aus dem Blickwinkel von Albie.
Das Buch steigt zunächst ähnlich gut wie der erste Band ein, als Sverre und Albie 1901 nach dem Studium zu Albie nach Hause reisen, sich dort ein gemeinsames Leben aufbauen und zu Beginn ihre im Ingenieursstudium erworbenen Fähigkeiten auch versuchen einzusetzen, um landwirtschaftliche Gerätschaften oder Züge zu verbessern. Diese technischen Aspekte werden allgemein verständlich und sehr spannend erläutert, treten dann aber schnell in den Hintergrund, als sich Sverre immer mehr der Malerei verschreibt, worunter auch das Buch an sich leidet. Sein Leben als Maler, sein Bohèmeumfeld mit anderen Malern und Schriftstellern, ihr lockerer Lebensstil und die oftmals zu ausführliche Schilderung seiner Maltechniken machte das Buch ziemlich träge zeitweise, auch da vieles nur angeschnitten wird. Die Handlung plätscherte so vor sich hin und ich fragte mich oftmals, wozu einige Aspekte angesprochen, aber nicht interessant weitergeführt wurden. Hätte der Autor sich weiterhin dem technischen Fortschritt der damaligen Zeit gewidmet, hätte dies dem Buch wirklich gut getan. Die kurzen Momente, in denen diese Aspekte im Roman erwähnt wurden, gehörten zu den spannendsten Seiten im ganzen Buch. Besser gelang es, die Situation von Schwulen im frühen 20. Jahrhundert darzustellen, wobei leider die Schilderung der Beziehung zwischen Sverre und Albie eher blass bleibt. Sie wirken viel eher wie beste Freunde und nicht wie ein Liebespaar. Angerissen wurde auch der sich vollziehende Wandel der Bedeutung des Adels in Europa im frühen 20. Jahrhundert, was Guillou sehr spannend und gut recherchiert schildert, was jedoch leider auch nicht weiter ausgeführt wird. Das Ende des Buches konnte mich dann wieder etwas mehr fesseln, durch den Ersten Weltkrieg, den Albie zeitweise in Afrika als Offizier erlebt, wird die Handlung wieder etwas spannender und das Ende wurde sogar echt rührend, aber nur, als es um die drei Brüder ging, der Rest der Geschichte ließ mich ziemlich kalt.
Leider ist auch der deutsche Titel „Die Brüder“ ziemlich irreführend. Lauritz und Oscar spielen keine Rolle im Buch außer ganz am Ende, wobei ich generell die Erzählweise sehr spannend und originell fand, in einem Buch die Geschichte der älteren Brüder zu schildern und dann in einem zweiten genau die gleiche Zeit darzustellen, aber eben aus der Sicht des jüngsten Bruders, der auch noch eher den englischen Blickwinkel mit in die Geschichte bringt, im Kontrast zur eher deutschen Sicht aus dem ersten Teil. Doch auch dieser interessante Aspekt wird im Roman leider nur hin und wieder angerissen.

Fazit

Wer sich für die Geschichte der drei Brüder interessiert, wird sich irgendwie durch diesen zweiten Teil schleppen müssen, der leider im gesamten Mittelteil eher enttäuscht. Spannende Aspekte werden meist nur hin und wieder angeschnitten und von zu vielen unwichtigen Episoden unterbrochen. Ich hoffe einfach auf einen viel besseren dritten Band, der sich hoffentlich wieder auf den technischen Fortschritt konzentriert, dessen Darstellung den ersten Teil so lesenswert machte.

3 von 5 Punkten

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