Sonntag, 2. November 2014

Rezension: Die Zerbrechlichkeit der Liebe (Sara Rattaro)

Piper Verlag
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-492-30611-9
8,99 €

Ein kurzer Einblick

Alberto ist am Boden zerstört, als seine Jugendfreundin Camille ihn verlässt, um in Paris eine Ausbildung zur Ballerina zu beginnen. Mit der Zeit schläft der Kontakt der beiden zueinander ein, doch Alberto kann Camille einfach nicht vergessen. 18 Jahre später steht sie plötzlich wieder vor ihm und sie könnten endlich zusammen sein, wäre da nicht Albertos Familie, seine Frau Sandra, seine Tochter Alice und sein Sohn Matteo, der taub geboren wurde und ihn besonders braucht. Alberto ist hin- und hergerissen zwischen seiner großen Liebe und seiner Familie, bis Alice ihn in den Armen von Camille sieht...

Bewertung

Nachdem ich vor einigen Monaten von zwei Debütromanen von zwei jungen Italienerinnen absolut begeistert wurde, nahm ich mir nun mal wieder eine Liebesgeschichte einer Italienerin vor, die auch so stark begann wie einst „Die Alchemie der Nähe“ und „Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung“. Die ersten Zweidrittel des Buches waren wirklich großartig, fesselnd, rührend und regten sehr zum Nachdenken an. Ich konnte den Roman kaum aus der Hand legen, hätte ich nicht arbeiten müssen, hätte ich ihn in einem Rutsch durchgelesen. Ich hing förmlich an Albertos Lippen, als er zunächst von seiner Familie erzählt, wie er Sandra kennen lernt, Alice geboren wird und schließlich Matteo, bei dem Sandra sehr schnell merkt, dass irgendetwas nicht zu stimmen scheint, bis seine Taubheit diagnostiziert wird, die die kleine Familie komplett erschüttert. Doch mit vereinten Kräften kämpfen sie dafür, dass Matteo ein annähernd normales Leben führen kann, sie versuchen es mit Logopädie, Musiktherapie, lernen die Gebärdensprache, Alice kümmert sich aufopfernd um ihren kleinen Bruder, dem sie Schach beibringt, ein Gebiet, auf dem seine Taubheit keine Nachteile bringt. In Form einer Rückblende schildert Alberto dann seine Schulzeit und wie er Camille kennen und lieben lernt und sie niemals richtig vergessen kann. Dabei schildert die Autorin die Charaktere und ihr Schicksal so rührend, dass man sich selbst als Leser nicht entscheiden kann, ob Alberto sich für seine Familie oder Camille entscheiden soll. Man steckt gemeinsam mit ihm in diesem Zwiespalt und fiebert mit, wie er versucht, seine Gefühle für Camille und seine Verantwortung seiner Familie gegenüber unter einen Hut zu bringen. Doch gegen Ende des Buches hat es mich irgendwie etwas als Leser „verloren“, durch einige Zeitsprünge verlor ich immer mehr den Kontakt zu den Figuren, ihr Schicksal berührte mich immer weniger, man hetzte zu sehr durch die Geschichte und auch das Ende empfand ich eher als unbefriedigend. Es war ziemlich unvorhersehbar, aber auch ein wenig unabgeschlossen und für mich nicht richtig nachvollziehbar. Hätte der Roman die Qualität der ersten Zweidrittel beibehalten, hätte er durchaus die volle Punktzahl verdient gehabt, so muss ich ein paar Abstriche bei der Bewertung machen, sehr gut fand ich ihn aber immer noch.
Neben der Hauptthematik „Große Liebe vs. Familie“ widmet sich das Buch sehr intensiv dem Thema, was es für eine Familie bedeutet, ein taubes Kind zu haben, weniger was es bedeutet, selbst taub zu sein, denn von Matteos Sicht der Dinge erfährt man als Leser nicht sehr viel. Die Autorin geht sehr behutsam mit dieser schwierigen Thematik um, der sie sich sehr rührend und einfühlsam widmet. Allerdings driftet sie dabei auch ins Kitschige ab, was mich neben dem Ende dann doch etwas an dem Roman störte. Es wirkte mit der Zeit ziemlich unrealistisch, wie die Familie diesen Schock der Taubheit ihres Sohnes scheinbar ohne Konflikte verarbeitete. Man hört bloß die ganze Zeit, wie sehr sich vor allem Sandra und Alice für Matteo aufopferten. Dass etwa Alice als kleines Kind ohne geringsten Protest die absolute Aufmerksamkeit, die ihrem Bruder zukam, einfach so hinnahm, erreicht mir eher unwahrscheinlich, etwas realistischere Charaktere hätten der Geschichte sicherlich gut getan. So klang der Umgang der Familie mit Matteo irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Sehr interessant war aber noch die Verbindung von Matteos Geschichte mit dem Schachspiel, in dem er immer besser wird und schließlich auch an Meisterschaften teilnimmt, das auch dem Buch eine Art Rahmen gibt, so sind jedem Kapitel Schachregeln vorangestellt.

Fazit

Eine sympathische Liebesgeschichte gepaart mit einer rührenden Familiengeschichte machen diesen Roman von Sara Rattaro zu einem wirklich lesenswerten Buch, das bis zum letzten Drittel absolut überzeugen kann, dann leider zu sehr durch die Geschichte hetzt, so dass man als Leser ein wenig den Kontakt zu den Charakteren verliert, die ab und zu auch mehr Facetten hätten haben können, um realistischer zu wirken. Es lässt den Leser aber niemals kalt, was der größte Pluspunkt des Werkes ist.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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