Montag, 3. November 2014

Rezension: Der Ruf der Tiefen (Wolfgang Hohlbein)

Piper
Kartoniert, 560 Seiten
ISBN: 978-3-492-28005-1
14,99 €


Ein kurzer Einblick

New England irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts: Joffrey Coppelstone, der Verlobte der jungen Janice Land, ist seit gut einem Jahr spurlos verschwunden. Jeder, der sie kennt, will Janice davon überzeugen, Joffrey zu vergessen und ihr Leben weiterzuleben. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen, recherchiert auf eigene Faust und stößt auf ihrer Reise auf beängstigende Wesen und Dinge, die nicht gefunden werden sollten…

Bewertung

Die Geschichte fängt sehr vielversprechend und Hohlbein-typisch an und jeder, der wie ich mit Hohlbeins Büchern aufgewachsen ist, wird mir wohl Recht geben, dass es gerade sein Schreibstil ist, der einen in den Bann ziehen kann. Leider musste ich beim Lesen immer mehr feststellen, dass dieses Buch nicht gerade sein bestes ist. Da ist zum einen die Protagonistin Janice. Ich bin beim besten Willen nicht warm mit ihr geworden: Ihre ganze Handlungsweise ist für mich widersprüchlich und unglaubwürdig. So benimmt sie sich einerseits als Dame ihrer familiären/finanziellen und zeitgemäßen Situation entsprechend und andererseits wiederum nicht, wenn sie zum Beispiel ohne Schuhe in ein Hotelrestaurant geht oder ihrem Bekannten Steve gegenüber abwiegelt, dass es gar nicht so schlimm war, als er sie nackt gesehen hat.
Während die einzelnen Personen, denen Janice auf ihrer Suche begegnet, zwar als sehr klischeehaft, aber dennoch glaubwürdig rüberkommen, fand ich besagten Steve Waiden einfach nur nervig, wie er einerseits ständig tollpatschig nebenherläuft und andererseits den großen und starken Aufpasser spielt.
Schreiberisches Geschick hat Hohlbein auch in den Gesprächen vermissen lassen – sei es zwischen Janice und Steve oder Ellen Connor und Janice. Manche lasen sich nahezu grotesk, z. B. wenn besagte Connor Janice zu verstehen gibt, dass „Steve viel daran gelegen zu sein [scheint]… sie ruhigzustellen“ (Seite 302) und Janice diese Vorstellung vehement abstreitet, obwohl sie vor nicht einmal einer Minute diesen Verdacht selbst geäußert hat. Solche Widersprüchlichkeiten fand ich in nahezu jedem Dialog und irgendwann ist es einfach nur noch zäh und macht keinen Spaß. Dazu kommt, dass sich die Handlung lange Zeit wie Kaugummi zieht und solche Dialoge haben das Gefühl, ständig auf der Stelle zu treten, nur noch verstärkt.
Weiterhin wird von Anfang an eine dunkle und bedrohliche Atmosphäre aufgebaut, die über die gesamte Geschichte konstant gehalten wird und somit keine Höhe- oder Tiefpunkte zulässt, was mich beim Lesen immer wieder schnell hat ermüden lassen. Und ernsthaft? Wenn gewisse Wesen nicht gefunden werden wollen/sollen/dürfen, dann ist es für mich wahrlich unverständlich, wieso die Protagonistin, welche bis dato von der ganzen Sache keine Ahnung hatte, von expliziten Visionen und Schleim tropfenden Wasserhähnen heimgesucht wird. Das schreit ja geradezu eine Einladung heraus…

Fazit

Die Lovecraft’sche Idee hat durchaus Potenzial, auch heute noch von Autoren aufgegriffen und genial umgesetzt zu werden, doch die Umsetzung bei „Der Ruf der Tiefen“ lässt in meinen Augen sehr zu wünschen übrig. Bei diesen extremen Schachtelsätzen, sinnlosen Dialogen, zähem Plot und Figuren, mit denen man einfach nicht warm wird, muss ich leider sagen, dass dies bisher das schlechteste Buch ist, das ich von Wolfgang Hohlbein gelesen habe.

1 von 5 Punkten


Wir danken dem Piper Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar. 

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