Mittwoch, 22. Oktober 2014

Rezension: Verstand und Gefühl (Jane Austen)

Dtv
Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-423-12747-9
9,90 €

Ein kurzer Einblick

Jane Austens erster veröffentlichter Roman erzählt die Geschichte der ungleichen Schwestern Elinor und Marianne Dashwood. Während Elinor sehr rational und diszipliniert auftritt, ist ihre jüngere Schwester Marianne umso romantischer und gefühlvoller veranlagt. Nach dem Tod ihres Vaters müssen sie ihr Landgut verlassen, was an den Sohn ihres Vaters aus erster Ehe geht, und in eine neue Gegend ziehen, was vor allem Elinor schwer fällt, die sich gerade in Edward, den Bruder ihrer Schwägerin, verliebt hat. Kaum in ihrem neuen Zuhause angekommen, trifft Marianne bei einem Spaziergang auf den gutaussehenden Willoughby, in den sie sich überschwänglich verliebt, doch sowohl Elinor als auch Marianne stehen allerhand Hindernisse im Weg, bis sie ihr Glück finden…

Bewertung

Ich hatte den Roman bereits vor ein paar Jahren einmal gelesen, der mir sehr gut gefiel und auch mehr zusagte als Austens bekanntestes Werk „Stolz und Vorurteil“. Jetzt wollte ich das Buch mal wieder lesen, auch um herauszufinden, ob ich es beim zweiten Lesen anders beurteile als zuvor. Diesmal gefiel der Roman mir schließlich sogar noch besser als beim ersten Mal und er gehört wirklich zusammen mit „Mansfield Park“ zu meinen Lieblingswerken von Jane Austen. Zwar weist er, ähnlich wie „Stolz und Vorurteil“, ein paar Längen vor allem zur Mitte auf, als die Schwestern in London weilen, und das Ende wirkt ziemlich abgehakt, da passiert plötzlich auf 30 Seiten mehr als im restlichen Buch zusammen, doch insgesamt kann dieses Buch wirklich überzeugen und unterhalten.
Es lebt zum einen wie alle Bücher von Jane Austen davon, dass sie von den Gesellschaftsschichten schrieb, die sie kannte und die sie demnach angemessen und realistisch darstellen konnte. „Verstand und Gefühl“ bietet daher auch ein Abbild der gehobenen Schichten im England des frühen 19. Jahrhunderts, die Austen in ihrem typisch ironischen Stil meisterlich und humorvoll karikiert. Insbesondere die Heiratsgepflogenheiten ihrer Zeit werden immer wieder von ihr aufs Korn genommen, denen sie ihre Idee einer erstrebenswerten Ehe – die Heirat aus Liebe – gegenüberstellt. Es tauchen allerhand Personen auf, die vor allem aus finanziellen Erwägungen Ehen eingehen, doch nur diejenigen, die ihren Partner wertschätzen und für ihn Gefühle haben oder diese mit der Zeit entwickeln, können auf eine glückliche Ehe hoffen.
Zum anderen geben die reizenden Hauptcharaktere und die generell sehr glaubhaften Figuren dem Buch seine besondere Note. Elinor ist mir generell sehr sympathisch und eine meiner Lieblingsfiguren aller Jane Austen-Romane, doch auch die viel gefühlsbetontere Marianne gewinnt man als Leser einfach lieb. Der Kontrast zwischen den Schwestern, die zwar eine tiefe Zuneigung zueinander verbindet, die aber grundverschieden sind, wird sehr gelungen im Buch herausgearbeitet, insbesondere auch der Eindruck, den die eine Schwester auf die jeweils andere macht, als beide ihre Schwester mit ihrem eigenen Blickwinkel auf die Welt – Elinor mit dem sachlichen, abgeklärten, Marianne mit ihrem gefühlvollen, schwärmerischen – bewerten. So müssen beide auch eine Entwicklung im Laufe des Romans durchlaufen, um ihre Schwester besser einschätzen zu können. So wirkt Elinor auf Marianne oftmals reserviert und sie zweifelt die Tiefe der Gefühle ihrer Schwester für Edward an, da sie diese nicht wie Marianne beinahe offen zur Schau stellt, während Elinor sich oftmals wünschen würde, ihre Schwester würde ihre Gefühle und ihre Gedanken nicht immer offen preisgeben. Auch gefiel mir bei der zweiten Lektüre die Schilderung von Mariannes Entwicklung wesentlich besser als beim ersten Mal. Die Herausarbeitung ihrer Überwindung ihrer ersten Liebe, die ein wichtiges Thema im Buch darstellt und auch bei Edward eine Rolle spielt, gelingt der Autorin sehr realistisch und nachempfindbar und auch ihre Fähigkeit, mit der Zeit Gefühle für jemand anderen zu entwickeln, war für mich viel nachvollziehbarer als beim ersten Lesen, was mir damals noch eher unrealistisch erschien.

Fazit

Auch nach dem zweiten Lesen überzeugte mich Austens „Verstand und Gefühl“ voll und ganz. Wären die Längen zur Mitte des Buches nicht, könnte ich rein gar nichts an diesem Werk aussetzen. Es lebt von seinen sympathischen Hauptfiguren, deren Gefühlswelt und unterschiedliche Deutung und Herangehensweise an die Welt psychologisch tiefgehend und immer realitätsnah geschildert werden, und es lässt den Leser immer wieder über seine Bewertungen, die er für andere Menschen hat, nachdenken, vor allem wie sehr diese nur durch die eigene Sichtweise auf die Welt beeinflusst sind, was wieder einmal eindrucksvoll zeigt, was für eine herausragende Menschenbeobachterin Jane Austen wirklich war.

4,5 von 5 Punkten

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