Freitag, 24. Oktober 2014

Rezension: Lexicon (Max Barry)

Heyne
Paperback, 464 Seiten
ISBN: 978-3-453-26911-8
14,99 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-12292-8


Ein kurzer Einblick

Am Flughafen in Portland angekommen, erwacht Will Parke mit einer Nadel im Auge. Er sei der Schlüssel in einem Krieg der Sprache, immun gegen Worte. Will Parke ist der einzige Mensch, der die Geisterstadt Broken Hill betreten kann, um ein mächtiges Artefakt zu bergen. Broken Hill, schreiben die Medien, sei bei einem Chemieunfall ausgelöscht worden. Während Will Parke und seine Entführer auf dem Weg nach Australien sind, ruhen ihre Feinde nicht.


Bewertung

Broken Hill - 3000 Einwohner, australisches Outback, ein chemischer Unfall: 3000 Tote und ein verseuchtes, unbewohnbares Stück Land. Das hättest Du wohl gedacht! Die Infiltrierung Deines Verstandes war simpel. Du hast den Worten geglaubt, weil dies eine Rezension ist. Worte geben mir Macht. Sprache gibt mir die Möglichkeit, Dich etwas glauben zu machen. Ich habe gesagt: Das war ein Chemieunfall und Du kaufst mir das ohne Widerrede ab. Ein Chemieunfall, so hat es auch in den Medien geheißen, doch ein Wort, ein einziger Begriff setzte die Vernunft von 3000 Menschen aus und beendet das Leben einer Stadt. Ein mächtiges Artefakt, an die 800 Jahre alt, soll es sein, vernichtete die Existenz unzähliger Individuen auf einen Schlag. Das will Dir nicht in den Kopf hinein? Nun, ich werde Deinen Verstand brechen, und nachdem ich dir eine Geschichte erzählt habe, wirst Du mir meine Fragen gefügig wie ein Schoßhündchen beantworten.

Es war einmal in 16-jähriges Mädchen namens Emily. Sie war ein Straßenmädchen und verdingte sich ihr Überleben mit Taschenspielertricks. Worte und das Geschick die Leute zu bequatschen, sie für sich einzunehmen und ihnen dann das Geld aus der Tasche zu ziehen, war ihre Fähigkeit, die ihr Leben verändern sollte. Von einer namenlosen Organisation aufgenommen, gibt sie sich einem langjährigen Studium hin: Linguistik, Sprachgeschichte oder die Bedeutung von Worten stehen auf ihrem Stundenplan. Emily lernt mit Worten gezielt zu beeinflussen, Menschen zu analysieren und in Segmente einzuteilen. Welche Art Individuum lässt sich auf jene Art manipulieren? Infiltration heißt das Stichwort. Sie lernt ihr Gehirn vor Einflussnahme abzuschotten, sich unberührbar zu machen, keine Aufschlüsse zu ihrem Charakter zu geben: Jeder Wesenszug kann von anderen gegen sie verwendet werden. Die Kraft der Worte ist mächtig. Die Macht der Organisation, die sie aufgenommen hat, beherrscht ein Wissen, das verboten wäre, wären es nicht bloß Worte ...

Was sagst Du nun? Ein Wort sei außerstande eine Stadt auszulöschen? Ok, Dein Segment habe ich wohl etwas falsch eingeschätzt, doch ich sehe, Du hast Blut geleckt. Das ist gut, das hilft mir weiter, Dich auf ein Segment einzuteilen und die Kontrolle über Deinen Verstand zu übernehmen. Facebook verrät mir unzählige Daten über Dein soziales Leben. Freiwillig versklavst Du dich an Firmen im Hintergrund. Einem Vertreter an der Tür, der die gleichen Fragen wie Facebook stellt, hättest du die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das Internet sammelt Daten für mein nie enden wollendes Wissen an Dir. Dir zeige ich Webseiten, die auf deine Interessen zugeschnitten sind. Für Dich halte ich Artikel über Fußball bereit, für deine Eltern Artikel über Eheglück. Du beginnst meiner Website zu vertrauen, dafür danke ich Dir. Ich schneide die Bedürfnisse präziser auf Dich zu, bis du ganz mir gehörst.

Spaß beiseite. Was sich oben beängstigen liest und schon seit Jahren teil unserer Welt ist, verarbeitet der Autor Max Barry im Roman. Er wendet sich jedoch weniger direkt dem Thema zu, sondern umschmeichelt diskret Datenkrake Google, Facebook und Co. Barry ersetzt die Firmen gegen eine namenlose Organisation der Dichter. Dichter, nennen sie sich selbst. Das Wort ist zentraler Mittelpunkt von Sprache, Verständigung oder Ausübung von Beeinflussung. Mit Worten verwandeln sie Menschen zu willenlosen Puppen. Sie tragen Namen echter Schriftsteller, basierend auf ihren Fähigkeiten und ihrem Einfluss in der Organisation. Je gefährlicher, je tödlicher, je begnadeter der Dichter mit Worten umzugehen vermag, je berühmter ist der ihm zugeteilte Name eines toten Poeten. Darf es da noch Zweifel geben, warum die Protagonistin Virginia Woolf heißt? Wohl kaum.

»Lexicon« ist kein anspruchsvoller Roman. Da, wo Wissenschaft bis zum Erbrechen rezitiert werden kann, bleibt Max Barry an der Oberfläche der Materie, um diese in einfachen Sätzen zu erklären. Er nimmt sich so viel Zeit, dass man das Fachgebiet versteht, begreift, wie gefahrvoll die Forschung an der Sprache sein kann, wenn sie gegen die Menschen eingesetzt wird. Gerade darum liest sich das Buch so verdammt aufregend! Die Actionsequenzen wiederum ... Nun ja: Sie lesen sich unterhaltsam, bringen Tempo in die Geschichte, bleiben ansonsten aber vergleichsweise blass. Der Roman lebt durch die Gefahr der Worte, durch die Macht jener, die die Sprache für ihre Zwecke missbrauchen. Furchteinflößende Ideen hat Max Barry intensiv in Szene gesetzt und in eine packende Story verpackt.

So einfach Max Barry seinen Schreibstil hält, so verschachtelt sind die Handlungsstränge. Storywendungen verblüffen, betten sich vollkommen logisch in den Plot ein. Raffiniert baut der Autor die Romanstruktur auf. Es ist ein reines Vergnügen sich auf die nächste Überraschung zu freuen. »Lexicon« richtet sich damit an Leser, die Spaß haben an einer guten Story, aber auch an jene, die gerne über der Handlung rätseln. Parallele Handlungsverläufe? Viel Spaß beim Weiterlesen. Du wirst noch Bauklötze staunen.

Fazit

Ein Roman über die Kraft der Worte. Eine Geschichte über Beeinflussung. Eine Ansammlung harmloser(?!) Worte über die Macht dessen, was mit Worten möglich ist. Gesellschaftskritik aufgepeppt mit Science-Fiction, verfasst in einer verdammt hervorragende Erzählstruktur. Weltherrschaft und der Fall von Babel. Nichts währt ewig. Doch möge »Lexicon« lange in eurem Gedächtnis bleiben.

PS: Hast Du die Botschaft auf dem Cover entdeckt?

4 von 5 Punkten

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