Freitag, 3. Oktober 2014

Rezension: Kinder der Freiheit (Ken Follett)

Bastei Lübbe
Hardcover, 1216 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2510-8
29,99 €

Ein kurzer Einblick

Im letzten Teil seiner Jahrhunderttrilogie behandelt Ken Follett die Zeit vom Bau der Berliner Mauer bis zu ihrem Fall in Deutschland, den USA, Russland und England. Im Zentrum stehen die Nachfahren der Familien aus den Vorgängerbänden „Sturz der Titanen“ und „Winter der Welt“: Rebecca Hoffmann lebt in Ostberlin und muss erfahren, dass ihr Mann sie und ihre Familie seit Jahren für die Stasi bespitzelt, George Jakes ist in den USA Berater von Justizminister Robert Kennedy und versucht sich für die Rechte der Schwarzen einzusetzen, Dimka Dworkin ist wiederum Berater von Nikita Chruschtschow und erlebt hautnah mit, wie die USA und die Sowjetunion beinahe in einen Atomkrieg schlittern, während seine Schwester Tanja als Journalistin von den Brennpunkten der Weltpolitik berichtet. Dave Williams will seinem Vater nicht in die Politik folgen, der Abgeordneter in England ist, sondern strebt eine Karriere im Musikgeschäft an…

Bewertung

Der Roman besteht aus 10 Teilen, die die Zeit von 1961 bis 1989 abdecken, und einem Epilog, der 2008 zur Zeit der Wahl von Barack Obama zum US-amerikanischen Präsidenten spielt, wobei der Fokus eindeutig auf dem Zeitraum von 1961 bis 1968 liegt, der ca. zwei Drittel des Buches einnimmt. Im Zentrum stehen die Geschehnisse in den USA und in Russland zu dieser Zeit, der Kalte Krieg, die Situation in Berlin, die Kubakrise, später die Reformbemühungen in Tschechien, Polen und ein wenig in Ungarn, ferner in den USA der Kampf der Schwarzen um Gleichberechtigung vor dem Gesetz, die Bemühungen von Martin Luther King und die Auswirkungen seiner Ermordung, der Vietnamkrieg, aber auch eher kulturelle Aspekte wie Entwicklungen im Musik- und Schauspielgeschäft und die Hippiebewegung. Entwicklungen in England kommen nur noch am Rande vor, Russland, die USA und Ostdeutschland sind die zentralen Handlungsorte. Die verschiedenen Entwicklungen werden wie in den Vorgängerbänden aus der Sicht verschiedener Protagonisten, die allesamt Nachfahren der Hauptcharaktere der Vorgängerbücher sind und zum Glück am Anfang des Buches sowohl in einem Personenverzeichnis aufgelistet als auch in mehreren Familienstammbäumen erläutert werden, erzählt und bieten so einen sehr ausgewogenen Blick auf die Ereignisse, was auch schon den zwei vorherigen Bänden gelang.
Ebenso gelungen wie in den Büchern zuvor ist die Darstellung der historischen Ereignisse, die sehr genau und wirklichkeitsgetreu geschildert werden und sehr gut recherchiert wurden. Durch die verschiedenen Perspektivwechsel, wodurch die Geschichte immer wieder von anderen Charakteren weitergeführt wird, gelingt ein sehr abgewogener Umgang mit Geschichte, der keine Alleinschuldigen für z. B. die Verschärfung des Kalten Krieges sucht, sondern sehr neutral abwiegend aufzeigt, wie sich die USA und die Sowjetunion gegenseitig hochschaukelten, aber auch, wie beide einen Atomkrieg, der die Vernichtung der Menschheit zur Folge hätte haben können, fürchteten und vermeiden wollten. Im Zentrum des Buches steht vielmehr die Hervorhebung der Grausamkeiten des Krieges und der Bedeutung von Frieden, Freiheit und Gleichheit, die im Fokus jeder Politik eines jeden Landes stehen sollten. Vorkenntnisse zu den historischen Begebenheiten tragen sicherlich zum Verständnis des Buches bei. Ich kenne mich zwar mit den meisten Ereignissen ganz gut aus, konnte aber trotzdem nicht allem folgen, obwohl der Autor immer wieder versucht, Ereignisse und Personen zu erläutern, doch oftmals tauchten schlichtweg zu viele verschiedene Personen auf und die ständigen Sprünge von einer Handlung zur anderen halfen auch nicht unbedingt.
Neben der historischen Genauigkeit kann man diesem dritten Band auch die fesselnde Spannung seiner Vorgänger konstatieren. Ich konnte wirklich stundenlang gebannt vor dem Buch sitzen und mich in der Geschichte verlieren. Leider wurde das Ende etwas schwächer, da zu sehr durch die Handlung gehetzt wurde, da den letzten 20 Jahren des Zeitraums des Romans viel zu wenig Platz eingeräumt wurde. Die Zeitsprünge wurden größer, jeder Handlungsstrang sehr schnell abgehakt, so dass man etwas den Kontakt zu den Figuren verliert, mit denen ich generell, im Gegensatz zu den zwei Büchern davor, nicht richtig warm wurde und generell wenig mitfiebern konnte. Durchgehend gab es meist recht flache Charaktere, George Jakes war mir noch am sympathischsten, mit ihm konnte man ein wenig mitfühlen, alle anderen und ihre Schicksale ließen mich leider ziemlich kalt. Gefühlvoll und rührend wurde das Buch nur, wenn Protagonisten des ersten Bandes starben, die man lieb gewonnen hatte, und auch das Ende zum Fall der Berliner Mauer berührte mich sehr, auch wenn es sehr vorhersehbar war. Ansonsten konnte ich kaum mit den Figuren mitfiebern, selbst die intensive Schilderung der Demonstrationen und Kämpfe der Schwarzen um ihre Gleichberechtigung in den USA blieben seltsam gefühllos, obwohl ich generell die Ungerechtigkeiten, die ihnen für so lange Zeit angetan wurden, nicht fassen kann.
Ich denke, dazu trugen auch die sehr simplen Handlungsstränge bei, die sich durch das Buch ziehen und auch schon in den Vorgängerbänden auftauchten, aber diesmal auf die Spitze getrieben wurden. Es wird den Charakteren einfach viel zu leicht gemacht. Tanja etwa schmuggelt jahrelang unentdeckt Romane aus der Sowjetunion an eine englische Verlegerin oder eine Teenagerband wird natürlich eine über Jahrzehnte erfolgreiche Popgruppe. Außerdem gehören mittlerweile alle Hauptfiguren der Elite an, keiner kommt mehr aus dem einfachen Volk, alle haben sich hochgearbeitet und bleiben ihr ganzes Leben lang erfolgreich, was sehr unrealistisch und einseitig wirkt. Auch Ken Folletts beliebte Thematik „Sex“, die immer wieder in seinen Büchern auftauchen muss, wird diesmal ziemlich auf die Spitze getrieben, zeitweise schienen alle nur mit ihrem Schwanz zu denken, was auf Dauer tierisch störte und unrealistisch wirkte.

Fazit

Ken Follett gelingt mit „Kinder der Freiheit“ zumindest ein würdiger Abschluss seiner Jahrhundertsaga, der aber auch der schwächste der drei Bände ist. Ich denke, es ist auch gut so, dass die Geschichte hiermit abgeschlossen ist. Der rein geschichtliche Teil kann wieder absolut überzeugen und glänzt mit seiner historischen Genauigkeit, der fiktive Teil vertieft die kleinen Schwächen der Vorgängerbände und wird immer unrealistischer und plumper. Wer leichte Unterhaltung gespickt mit gelungenen Geschichtsdarstellungen sucht, kann auch bei diesem dritten Band gefahrlos zugreifen.

3,5 von 5 Punkten

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