Mittwoch, 15. Oktober 2014

Rezension: Ich muss schreien und habe keinen Mund (Harlan Ellison)

Heyne
Paperback, 672 Seiten
ISBN: 978-3-453-31557-0
18,99 €

eBook, 14,99 €
ISBN: 978-3-641-13201-9


Ein kurzer Einblick

20 Geschichten laden in die Gedankenwelt Harlan Ellisons ein. Jack the Ripper wird in einer entfernten Zukunft zur Vergnügungsstudie. Ein Supercomuputer schenkt fünf Menschen das ewige Leben der Folter, um Rachegelüste zu stillen. Ein telepathisch begabter Hund bedeutet einem Jungen mehr als die Liebe zum hübschen Mädchen. Larry Talbot ist auf der Suche nach seiner Seele und findet sie in sich selbst. Der Geist der Großstädte - huldige dem Gott oder Sicherheit ist Wunschglaube. Abtreibungsbabys leben in einer verborgenen Stadt unter der Kanalisation. Sex zur Weltenrettung? - Ein Paradies der Verkommenheit. Viele weitere Ideen warten darauf entdeckt zu werden.

Bewertung

Harlan Ellison® - ja, er hat seinen Namen als Trademark registriert, schreibt Kurzgeschichten. Ausschließlich Kurzgeschichten. Er hat nicht einen Roman veröffentlicht! 20 dieser Storys liegen im Buch “Ich muss schreien und habe keinen Mund” vor, das kürzlich im Heyne Verlag erschienen ist. Ellison wurde mehrfach mit dem Hugo Gernsback Award und dem Nebula Award ausgezeichnet. Die Geschichte “‘Bereue, Harlekin!’, sagte der Ticktackmann” ist der Auftakt des von Sascha Mamczak herausgegeben Bandes und als kostenloses eBook erhältlich. Alle weiteren Storys sind ab ende November auch als einzeln zu downloadende eBooks im Handel zu erwerben.

An dieser Stelle möchte ich Sascha Mamczak meinen aufrichtigen Dank ausrichten, das Wagnis der Storysammlung eingegangen zu sein. In einem Wirtschaftssystem, wo Profit zählt, ist die Zusammenstellung von Storys eines hierzulande unbekannten Autoren mit Sicherheit ein verlegerisch hohes Risiko. Mit Harlan Ellison bringt Mamczak den deutschen Lesern eine echte Literaturperle in die Buchregale, die bei keinem SF-Leser fehlen darf. Dem Genre Science-Fiction ist Harlan Ellison nur in Ansätzen zuzuordnen, aber genauso wenig einem anderen Genre. Seine Geschichten sind schwer zu fassen, nirgends einzuordnen, genreübergreifend kongenial geschrieben. Der Autor schreibt nicht nur einfach eine Idee nieder, eine Geschichte in ihrer reinsten Form. Ellison will etwas vermitteln. Er schreibt nicht, um etwas zu Papier zu bringen, sondern eine Botschaft zu erzählen, die wunderbar unterhaltend verpackt ist. Die Ideen sind vielfältig. Keine der vorliegenden Storys gleicht einer anderen. Sein Stil ist makellos. Das Spiel mit der Idee, die Einbettung in ein Gewand ist hervorragend. Selbst die Storys, die mich persönlich weniger ansprachen, lasen sich flüssig und spannend weg. Harlan Ellison versteht es, seine Leser an der Kehle zu packen und die Atemwege erst nach der letzten Seite freizugeben. Eine herausragende Geschichte reiht sich an die nächste. Mühelos gelingt es dem Autoren mich zu bannen, zu verhexen und für sich einzunehmen, ohne sich zu wiederholen. Vielen, vielen Dank Sascha Mamczak für die Veröffentlichung dieser Storysammlung dieses grandiosen Autoren!

»Bereue, Harlekin!«, sagte der Ticktackmann
“‘Bereue, Harlekin!’, sagte der Ticktackmann” erzählt von einem Zukunftsstaat, der sekundengenau reguliert ist. Jede Tätigkeit ist durchgeplant. Etwas überspitzt formuliert: Eine falsche Armbewegung - das System gerät ins Schwanken. Ein Zahnrad greift ins andere. Nichts darf im Getriebe knirschen. Darüber wacht der Ticktackmann. Durchgetaktet bis auf die Sekunde. Die Menschen agieren als gefügige Maschine. Nur einer nicht, der Harlekin, der seinen Schabernack treibt. Der Ticktackmann wird wütend. Sehr, sehr wütend. Das empfindliche Staatssystem beginnt zu wanken …
Gewitzt geschrieben baut Harlan Ellison eine beängstigende Welt auf, in der nicht Lebenszeit das Maß aller Dinge ist, sondern Pünktlichkeit auf die Sekunde. Wer vom Plan abweicht, wird gnadenlos bestraft. Eine düstere Dystopie. Ein heiteres Werk voller Spaß und Witz. Eine Zukunftsvision. Heutzutage noch eine Phantasmagorie, morgen vielleicht …? Begrüßen wir jeden Harlekin mit offenen Armen, auf dass der einzelne Mensch zählt und nicht der Ameisenstaat.

Jeffty ist fünf
Don Horton wächst mit seinem besten Freund Jeffty auf. Zusammen lauschen sie mit Begeisterung den Hörspielen im Radio. Jahre später, Horton betreibt einen eigenen Laden, besitzt Jeffty noch immer den Verstand eines fünfjährigen. Körperlich ist er gealtert, geistig ist er in der Zeit hängen geblieben. Noch immer hört er die alten Hörspiele im Radio, ja sogar Neuproduktionen, obwohl die Sendungen längst eingestellt und gegen Popsongs ersetzt wurden.
Nostalgie hält Jeffty in der Zeit fest. Die Gegenwart dringt nicht zu ihm vor. Horton ist mit der Zeit gegangen, wie ein Normalsterblicher alt geworden. Als er Jefftys Geheimnis entdeckt, ist er hin- und hergerissen in alte Zeiten einzutauchen und seinem eigenen Leben in der Gegenwart nachzugehen. »Jeffty ist fünf« baut auf phantastische Art und Weise die Vergangenheit auf. Zugleich schwebt die tödliche Bedrohung des Fortschritts in der Luft, die die Vergänglichkeit des Augenblicks stilistisch sicher hervorhebt.

Diese beiden Geschichten sollen als Anreiz genügen. Erlebt den Einfallsreichtum Ellisons selbst. Genießt die Storyvielfalt. Verliert euch in Worten, die etwas vermitteln wollen. Erfreut euch an einem schreiberischen Talent, das in Amerika nicht ohne Grund zu den großen Namen der Schriftsteller gehört.

Fazit

Kleinere Abstriche hier und da - die schonungslose Vielfalt der Ideen, die sich jeder Genrezuordnung entziehen, machen »Ich muss schreien und habe keinen Mund« zu einem wahrgewordenen Traum auserlesener Geschichten. Nachdenklich, düster und herzergreifend nimmt Harlan Ellison den Leser mit auf eine Reise, die hoffentlich unvergessen bleiben wird.

4,5 von 5 Punkten



Die Storysammlung enthält die folgenden Stories:

„Bereue, Harlekin!“, sagte der Ticktackmann (1965)
Die Stadt am Rande der Welt (1967)
Ich muss schreien und habe keinen Mund (1967)
Zauberhafte Maggie Moneyeys (1967)
Die Bestie, die im Herzen der Welt ihre Liebe hinausschrie (1968)
Ein Junge und sein Hund (1969)
Hilflos Wind und Wellen ausgeliefert vor der Küste der Langerhansschen Inseln: 38° 54’ Nördliche Breite, 77° 00’ 13’’ Westliche Länge (1972)
Das Winseln geprügelter Hunde (1973)
Der Todesvogel (1973)
Ich suche Kadak (1974)
Croatoan (1975)
Die bessere Welt (1976)
Jeffty ist fünf (1977)
Das Nachtleben auf Cissalda (1980)
Zähl ich den Glockenschlag, der Stunden misst (1978)
Die Wächter der verlorenen Stunde (1985)
Das weiche Äffchen (1987)
Warum wir träumen (1988)
Der Mann, der Christoph Kolumbus an Land ruderte (1991)
Mephisto in Onyx (1993)

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