Sonntag, 26. Oktober 2014

Legimus trifft... Götz Aly

Liebe Leserinnen und Leser,

wie bereits im Mai angekündigt, befindet sich Götz Aly, einer von Deutschlands bekanntesten NS-Forschern, in diesem Jahr mit seinem 2013 erschienenen Buch „Die Belasteten“ über die Euthanasie-Morde zwischen 1939 und 1945 auf Vortragsreise. Ich hatte das Glück, bei seinem Vortrag in der Stadtbibliothek Bielefeld dabei sein zu können, der im Rahmen der Literaturtage Bielefeld 2014 und der „Woche der Seelischen Gesundheit Bielefeld“ der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel statt fand.

Mit gefühlvoller Klavierbegleitung – u. a. das Feather-Theme aus dem Film „Forrest Gump“ – wurden die Gäste auf diesen lehrreichen, aber auch schwierigen Abend eingestellt, der schließlich vom Ärztlichen Direktor von bethel.regional, Prof. Dr. Michael Seidel, eröffnet wurde. Er stellte zunächst Götz Aly und dessen Leben und Werk vor, verwies auf dessen journalistische Tätigkeiten bei verschiedenen renommierten deutschen Zeitungen und dessen umfangreiche Forschungen zur Euthanasie und zum Holocaust, in deren Rahmen er etwa die Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945“ herausgab. Außerdem stellte er kurz Alys neuestes Buch „Die Belasteten“ und dessen Thesen vor, bevor Götz Aly selbst zu Wort kam.

Götz Aly gab zunächst zur besseren Orientierung einen groben Überblick zu den Euthanasie-Morden zwischen 1939 und 1945, denen in einer ersten Phase bis 1941 ca. 70000 psychisch Kranke durch Ermordung in Gaskammern zum Opfer fielen und nach dem Abbruch der sogenannten „Aktion T4“ Mitte 1941 noch einmal bis Kriegsende ca. 100000, die in den Heilanstalten etwa durch Nahrungsentzug oder Medikamente getötet wurden. Darauf betonte er, dass diese Thematik bis heute oftmals noch ein Tabuthema darstellt. So habe jede achte heutige deutsche Familie Euthanasietote in ihren Reihen, worüber sie oftmals nicht Bescheid wisse oder dies lieber totschweige, kaum jemand wolle zeigen, dass er zurückgebliebene Familienangehörige gehabt habe. Dem will Aly entgegenwirken, er will diesen Menschen ihre Identität wiedergeben, etwa indem er bei der Verwendung von Quellen die Namen der Kranken nennt und diese nicht anonymisiert. Gleichzeitig warb er, der selbst Vater einer behinderten Tochter ist, aber auch für Verständnis für die Angehörigen von psychisch Kranken. Es sei verständlich, dass man die Pflege auch als Belastung empfinde und sich Gedanken an den Tod des kranken Kindes einschlichen, insbesondere sei die Belastung im Nationalsozialismus für Familienangehörige von psychisch Kranken noch viel größer als heutzutage gewesen. Heute erhalte man allerhand Unterstützung vom Staat, im Dritten Reich erhielt man etwa nach der Geburt eines kranken Kindes kein Kindergeld mehr für seine restlichen Kinder und galt als erbkranke Familie. Doch bei allem Verständnis für die schwierige Rolle der Angehörigen, nach Aly spielten diese auch eine entscheidende Rolle dabei, dass die Euthanasie-Morde überhaupt durchführbar waren. Denn sie hatten die Möglichkeit zu intervenieren. Die Kranken kamen vor der Tötung einige Wochen in Zwischenanstalten, wer Angehörige hatte, die sich nach ihnen erkundigten oder sie zurückforderten, der wurde zurück zu seiner Familie geschickt, was jedoch bloß in weniger als 1 % der Fälle geschah. Die meisten Angehörigen kümmerten sich gar nicht oder kaum um die psychisch Kranken und nahmen die Nachrichten über ihren Tod ohne Protest hin. Sie nahmen bereitwillig das „Angebot“ der Nazis an, über die Ermordung nicht Bescheid wissen zu müssen, wenn sie es nicht wollten. Durch die geheime Aktion wurden den Angehörigen ihre Gewissensbisse genommen. Sie mussten nicht aktiv der Tötung der psychisch Kranken zustimmen, wozu viele nicht in der Lage gewesen wären. Aufgrund des sehr geringen Widerstands, auch durch Ärzte, Friedhofsmitarbeiter oder Standesbeamte, die von der Aktion wussten, war die Ermordung der psychisch Kranken aber erst möglich, wobei Aly wieder für Verständnis für die Angehörigen warb, die durch den Krieg schließlich auch am Existenzminimum lebten und oftmals auch andere Sorgen hatten, als sich um zurückgebliebene Familienangehörige zu kümmern. Mit heute könne man ihre Situation einfach nicht vergleichen.
Nach diesem ausführlich geschilderten Aspekt ging Aly noch kurz auf den Abbruch der T4-Aktion, die dezentrale zweite Phase, Kindereuthanasie, das Verhalten der Ärzte und auf die Kranken selbst ein. Dieser Aspekt stellte die schockierendste Phase des insgesamt sehr gut zu folgenden Vortrags dar, der generell sehr unter die Haut ging, da Aly seine Ausführungen immer wieder mit zahlreichen Quellenzitaten unterstrich. Als er aber abgefangene Briefe und Berichte von psychisch Kranken vorlas, die zeigten, dass die meisten Kranken wussten, dass sie, wenn „die Wagen“ kommen und sie abholen, sterben werden, ließ dies niemanden im Publikum kalt.
Nach dem Vortrag gab es noch die Möglichkeit für die Zuhörer, Fragen zu stellen oder Kritik zu äußern, so wurde etwa nach der geographischen Verteilung der Tötungsanstalten gefragt, wie in Europa mit dieser Thematik umgegangen wurde, wie die Situation in Bielefeld bzw. Bethel aussah und ob ohne den Krieg die Aktion T4 durchführbar gewesen wäre, was Aly eindeutig verneinte. Schließlich konnte man sich sein Buch auch noch signieren lassen.
So ging es nach zweieinhalb informativen, aber auch schockierenden Stunden wieder nach Hause, doch diese Thematik ließ uns Zuhörer nicht so schnell los. Ich kann euch wirklich nur empfehlen, euch Götz Aly anzuhören, falls er auch in eure Nähe kommt.

Eure Kim

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