Mittwoch, 8. Oktober 2014

Filmkritik: Der Turm


Uwe Tellkamps Bestseller „Der Turm“ aus dem Jahr 2008 wurde 2011 als zweiteiliger Fernsehfilm verfilmt, der 2012 im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Die Regie übernahm Christian Schwochow und in den Hauptrollen waren Jan Josef Liefers (Richard Hoffmann), Sebastian Urzendowsky (Christian Hoffmann), Claudia Michelsen (Anne Hoffmann) und Götz Schubert (Meno Rohde) zu sehen. Die Geschichte spielt in der späten DDR und zeigt exemplarisch anhand einer Großfamilie, die im Dresdner Villenviertel lebt, den sukzessiven Untergang des sozialistischen Gesellschaftssystems. Während der Arzt Richard Hoffmann durch die Affäre mit einer Arbeitskollegin, mit der er eine Tochter hat, von der Stasi erpresst wird, will sein Sohn Christian, der gerade sein Abitur macht, seinem Vater folgen und strebt ein Medizinstudium an, wofür er aber zunächst drei Jahre in der NVA dienen muss. Christians Onkel Meno arbeitet als Lektor in einem Verlag und erlebt hautnah mit, wie zahlreiche Autoren von der Zensur bedroht sind…

Generell folgt der Film der Buchvorlage in weiten Teilen sehr genau, wenn auch Menos Tagebuch und seine Art Roman im Roman nicht filmisch umgesetzt wurden, was aber keineswegs störte, machten diese doch den Roman ziemlich langatmig. Auch wird Menos Geschichte und seinem Kontakt zu der Autorin Judith Schevola weniger Raum als im Roman gegeben, Richard und Christian spielen im Vergleich zu ihm im Film eine größere Rolle. Ansonsten fehlen ein paar Szenen aus dem Buch oder sie wurden im Film anders dargestellt. Am Anfang entfällt etwa Richards Geburtstag, die Familie kommt nur für Weihnachten zusammen. Nach dem Selbstmordversuch seiner Affäre kümmert er sich nicht um ihre Kinder, diese werden direkt von der Nachbarin betreut, was ihn etwas negativer als im Buch erscheinen lässt, wobei immerhin im Film auf seine Affäre mit Reina, Christians Freundin, verzichtet wird. Christian wird unnahbarer als im Buch gezeigt, die Szenen mit seinen Freunden aus dem Internat wurden ziemlich gekürzt und auch der Besuch seiner Freunde bei ihm zu Hause entfällt komplett. Seine Zeit in der NVA wird auf die wichtigen Szenen verkürzt, was wiederum der Langatmigkeit der Buchvorlage entgegenwirkt, und er wird aufbrausender als im Buch, wie etwa sein Ausraster auf der Hochzeit seiner Cousine zeigt. Vor allem am Ende wurden einige Handlungsstränge anders als im Buch dargestellt. Die im Buch auftauchende Versöhnung von Richard und Anne, nachdem sie von seinen Affären und seiner Tochter weiß, findet nicht statt. Als er nach seinem Zusammenbruch wieder nach Hause kommt, lässt sie ihn einfach stehen und engagiert sich weiterhin allein für die Oppositionsbewegung. Der Film endet anders als das Buch mit Christian, der nach dem Fall der Mauer die Armee verlassen kann, seiner Mutter sagt, dass er seinen eigenen Weg finden muss, und über ein Feld geht, fliegenden Vögeln hinterher sieht und sich endlich frei fühlt nach den langen Jahren in der Armee.
Die Änderungen, die im Vergleich zur Buchvorlage gemacht wurden, kann ich kaum kritisieren, die waren meistens stimmig oder dienten eben dazu, einige lange Handlungsstränge des Buches zu verkürzen und auf ihr Wesentliches zu reduzieren, was dem Film generell sehr gut gelingt. Der bleibt zwar nah am Buch, setzt aber auch eigene Akzente und interpretiert die Figuren zum Teil etwas anders als Tellkamp, aber immer stimmig und realitätsnah. Alles Wesentliche des Romans ist auch im Film erhalten, aber ohne die oftmals langatmigen Passagen des Buches, die den Lesefluss sehr störten, weshalb mir der Film in weiten Teilen sogar besser als das Buch gefiel. Die im Buch aufgezeigten Entwicklungen in der späten DDR stellt der Film sehr gut heraus, die bedrückende Stimmung im Land, die Versorgungsengpässe und die Nichtfreiheit der Gedanken werden mehr als deutlich. Man bekommt ein realistisches Bild davon, was es hieß, in der DDR zu leben, auch durch die hervorragend gewählten Handlungsorte und Kulissen. Nur der Einblick in den Kulturbetrieb hätte besser gelingen können, der kommt durch die Kürzungen zu Menos Geschichte ein wenig zu kurz und wird im Buch eindrucksvoller dargestellt. 

Fazit

Wer sich den langen Roman ersparen möchte, kann problemlos zu diesem Zweiteiler greifen. Die wesentlichen Elemente der Handlung des Buches sind ebenso enthalten und werden genauso eindrucksvoll herausgearbeitet wie im Buch, aber ohne zwischendurch zu langweilen. Man bekommt ein Gefühl davon, was es hieß, in den 1980er Jahren in der DDR zu leben, auch dank der durchweg überzeugenden Schauspieler, die nachvollziehbar vermitteln können, wie beklemmend der Staat auf seine Bürger wirkte. Somit kann ich diese Verfilmung bedenkenlos weiterempfehlen.

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