Dienstag, 16. September 2014

Rezension: Wild Cards 1. Das Spiel der Spiele (George R. R. Martin (Hrsg.))

Penhaligon
Klappenbroschur, 544 Seiten
ISBN: 978-3-7645-3127-0
15,00 €

eBook, € 11,99
ISBN: 978-3-641-12468-7


Ein kurzer Einblick

In den 40er Jahren verbreitete sich das Wild-Card-Virus. Die Menschen, die vom Virus befallen wurden, mutierten zu Jokern und Assen. Mit ihren Superkräften stiegen die Asse zu Weltstars auf - zumindest diejenigen, die sich ins Rampenlicht stellten. Wer von ihnen ist der größte amerikanische Superhero? Die Castingshow »American Hero« lädt zum Duell der Asse ein. Ruhm und Reichtum winken, während in Ägypten die Joker gejagt und ermordet werden.

Bewertung

Der Name George R. R. Martin prangt auf dem Cover. Der Schöpfer von »Game of Thrones« agiert als Herausgeber. Bis auf eine Kurzgeschichte stammen alle anderen Storys aus fremder Feder. »Wild Cards« spielt in einer alternativen Weltgeschichte. Die Idee um das außerirdische Virus, das Schicksal mit den Menschen würfelte, entstand in den 80er Jahren. Seitdem sind Anthologien mit Geschichten aus der Hand vieler US-amerikanischer Autoren publiziert worden. Neben den Anthologien wurde die Serie auch als Comics adaptiert. Selbst als Rollenspiel lassen sich die Wild Cards wiederfinden. Band 1-6 veröffentlichte Heyne (teils aufgesplittet in 2 Bücher). Band 18 erschien im August 2014 im Penhaligon Verlag: »Wild Cards 1. Das Spiel der Spiele«. Etwas irreführend mag die Nummernvergabe Penhaligons sein, doch liest sich der Band ohne Vorwissen aus Comics, Rollenspiel oder vorhergehender Anthologien verständlich. Niemals hatte ich das Gefühl, dass mir Wissen fehlen würde. Weitere Anthologien sind bereits im englischen Sprachraum veröffentlicht, sodass eine Fortsetzung im deutschen hoffentlich nicht lange auf sich warten lässt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird ein außerirdisches Virus freigesetzt, das die Karten unter den Menschen neu mischt. Viele sterben. Andere werden zu Jokern: körperliche Entstellungen wie Tierköpfe verleihen ihren Körper ein sichtbares Merkmal. Glücklicher getroffen hat es die Asse: Physisch unversehrt stehen ihnen ungeahnte Fähigkeiten zur Verfügung. In der Casting Show »American Hero« (»Deutschland sucht den Superstar« lässt freundlich grüßen) kämpfen 20 Asse um den Titel des ruhmreichsten Helden Amerikas. Da hätten wir u.a.:
  • Drummer Boy, das lebende Schlagzeug mit sechs Armen
  • Stuntman, Selbstheilung schwerster Verletzungen ist sein Motto
  • Jonathan Hive, der sich in Millionen von Wespen verwandelt
  • Spasm, der andere zum Niesen bringt
  • Amazing Bubbles, die Blasen aus ihrem Körper formt und Geschossen gleich abfeuert
  • Rustbelt, der eisernes Material zum Rosten bringt
  • Earth Witch, die Frau, die mit Gedanken Löcher gräbt

In Challenges müssen sich die Helden beweisen. Stets sind Kameras in der Nähe. Privatsphäre herrscht nur auf dem Klo. Affären, Zänkereien und Meinungsverschiedenheiten schweißen die Superhelden zu mal mehr mal minder funktionierenden Gruppen zusammen. Skandale und Looser-Rituale bestimmen den Medien-Alltag. Die einen wollen ihrem langweiligen Leben entkommen. Die anderen suhlen sich in der Aufmerksamkeit der Medien. Schnell merken sie, dass die Show nur einer Farce gleicht; Siegerentgeld hin oder her. Es gibt Wichtigeres im Leben zu leisten. Ein Medienstar ist kein Held zum Verehren.

Viele Stile, viele Autoren, viele Charaktere: Wie zusammengeschustert lesen sich die Geschichten? Fast wie aus einem Guss, muss die Antwort lauten. Die Autoren greifen Handlungsfäden auf, fügen die einzelnen Storys zu einem Roman zusammen. Die verschiedenen Handschriften sind spürbar, aber nicht so ungleich, dass man das Gefühl hätte, ein fremdes Buch in den Händen zu halten. Vielleicht mag hier auch etwas durch die Übersetzung glattgebügelt worden sein. Durch unterschiedliche Sichtweisen der Autoren liegt das Augenmerk abwechselnd auf den Figuren verteilt. Die differenzierten Charakterzüge gestalten das Zusammenspiel der Charaktere unterhaltsam und abwechslungsreich. Es sind keine perfekten Helden. Jeder von ihnen führt im Laufe der Handlung seine miese Seite vor und findet den Mut diese zu überwinden. Ein Schema des Diffusen gibt es nicht. Das Gute ist gut. Das Böse ist böse. »Wild Cards« baut auf klassische, einfache Strukturen. Das aber vielgestaltig!

Nach der Hälfte des Buches nimmt die Story eine drastische Kehrtwende, die mir persönlich zu einschneidend war. Das Format der ineinandergreifenden Kurzgeschichten mag dies womöglich gefördert haben, da ein sanfter Übergang aus der Feder mehrerer Autoren nur schwer zu schaffen ist. Zu abrupt wechselt die Handlung weg vom amerikanischen Medienhype hin zu weltpolitischem Geschehen, den Unruhen in Ägypten. Obwohl von Anfang an klar war, dass dieser Schritt erfolgen musste, liest sich die Wendung zu künstlich, zu gewollt - so als dürfe das Buch nicht zu sehr ausufern.

Die Anklage gegen die Joker Ägyptens ist heftig. Sie sollen den Kalifen ermordet haben! Gehasst von der ägyptischen Regierung werden sie vertrieben, gejagt und gemordet. Nach und nach finden sich fast alle American Heros ein, um das Unrecht Seite an Seite mit den Jokern zu bekämpfen. Tausende sterben, die Armee rückt heran ... Pläneschmieden dient Handlungsruhepausen. Schlachtenlärm löst die Challenges ab - nur tödlicher. Ebenso dramatisch wie die erste Hälfte des Buches, aber weniger aufregend, da klar ist, wer als Gewinner das Feld verlassen wird. Da waren die Challenges deutlich spannender, da der Ausgang ungewisser war.

Fazit

Medien oder Weltpolitik? Die American Heros müssen sich zwischen Medienhype und wahrem Heldentum entscheiden. Einfachen Strukturen folgend, bauen die Autoren der alternativen Weltgeschichte eine packende Handlung aus charakterlichen Auseinandersetzungen auf, die in der Suche nach einem sinnvollen Lebensinhalt abseits vom Medienhype gipfelt. Der drastische Handlungseinschnitt mag Geschmackssache sein, insgesamt ist ein wahrhaft unterhaltender Roman herausgekommen.

4 von 5 Punkten

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