Donnerstag, 25. September 2014

Rezension: Stolz und Vorurteil (Jane Austen)

Fischer Verlage
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-596-90004-6
8,00 €

Ein kurzer Einblick

Jane Austen berühmtestes Werk erzählt die Geschichte von Elizabeth Bennet, die gemeinsam mit vier Schwestern in wohlhabenden Verhältnissen aufwächst. Da das Landgut ihres Vaters jedoch nach dessen Tod an den nahesten männlichen Verwandten geht, bleibt den Schwestern aus Sicht ihrer Mutter nicht viel Anderes übrig, als einen wohlhabenden Ehemann zu finden, der ihnen finanzielle Sicherheit bietet. Zwei reiche Junggesellen, Mr. Bingley und Mr. Darcy., die in ihre Gegend kommen, scheinen aussichtsreiche Kandidaten zu sein, doch während sich Mr. Bingley in Elizabeths ältere Schwester Jane verguckt, behindern Vorurteile auf Elizabeths Seite und der Stolz von Mr. Darcy eine Annäherung der beiden…

Bewertung

Ich hatte bereits vor einigen Jahren einmal alle Jane Austen-Romane und auch ein paar Fragmente gelesen, die mir generell sehr gut gefallen hatten, wenn auch nicht alle Bücher das Niveau meines Lieblings „Mansfield Park“ erreichten. Austens bekanntestes Werk „Stolz und Vorurteil“ ist entgegen der ganzen Lobeshymnen nicht mein favorisiertes Buch von ihr, wenn ich auch die damalige Lektüre wirklich genossen und seitdem einige Verfilmungen gesehen habe. Jetzt wollte ich aber einmal wieder den Roman lesen, auch um zu sehen, ob ich die Geschichte mittlerweile anders beurteile als noch vor ein paar Jahren. Generell kann ich schon mal sagen, dass es mir früher besser gefallen hat, diesmal sind mir doch ein paar kleinere Schwächen aufgefallen, auch fehlte ein wenig die Spannung, da ich dazu – auch durch die Verfilmungen – die Handlung zu gut kannte. Dennoch weist der Roman aber zu Beginn auch einige Längen auf, als die für die spätere Geschichte wichtigen Aspekte entwickelt werden. Die zweite Hälfte des Buches gefiel mir dann deutlich besser und sie war wesentlich fesselnder als der Beginn.
Ansonsten kann die Handlung auf ganzer Linie überzeugen. Zum einen erhält man keinen recht simplen Liebesroman, sondern vielmehr ein Abbild der gehobenen Gesellschaftsschichten des Englands des frühen 19. Jahrhunderts, die von Austen meisterhaft in ihrem typischen ironischen Schreibstil karikiert werden. So denkt etwa die Mutter der fünf Schwestern bloß daran, jede ihrer Töchter bestmöglich zu verheiraten, die finanzielle Absicherung steht an erster Stelle. Austen stellt dem die Heirat aus Liebe gegenüber, die für Elizabeth die einzige Option ist, falls sie denn mal heiraten sollte. Die Autorin driftet dabei aber niemals ins Kitschige ab, auch ist das Buch nicht sehr romantisch. Angepasst an die Schreibgepflogenheiten ihrer Zeit erwähnt die Autorin keinerlei Küsse oder Berührungen, dafür werden umso intensiver die Gefühle der einzelnen Personen und insbesondere von Elizabeth, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, herausgearbeitet.
Zum anderen zeigt Austen eindrucksvoll, wie falsch erste Eindrücke von Menschen sein können. Elizabeth bewertet Mr. Darcy zu Anfang nicht sehr zutreffend, weil sie einerseits zu sehr auf Gerüchte über ihn hört, deren Richtigkeit sie aber auch nicht überprüft, insbesondere da sie sehr gut zu dem bereits in ihrem Kopf vorgeformten Bild über ihn passen. Dieses Bild entwickelte sie andererseits, da Mr. Darcy, dem die Fähigkeit fehlt, mit Fremden angemessenen Smalltalk zu führen und sich schnell beliebt zu machen, was etwa seinem stets fröhlichen und zuvorkommenden Freund Mr. Bingley ein Leichtes ist, sehr stolz und anderen gegenüber herablassend wirkt, was jedoch nicht komplett der Realität entspricht, aufgrund seiner ruhigen Art aber bei seinen Mitmenschen so ankommt. So lernt man durch das Buch auch interessante Aspekte über den sozialen Austausch mit anderen Menschen, den sich sicherlich jeder mehr zu Herzen nehmen sollte, indem er sich die Mühe macht, Menschen erst kennenzulernen, bevor er sie bewertet, und weniger auf die Meinungen anderer Leute Acht zu geben oder etwa ruhigere Personen nicht direkt als unnahbar, eingebildet oder an anderen uninteressiert zu bewerten. Man sieht an diesem intensiven Umgang mit menschlichen Gewohnheiten und menschlichem Denken, insbesondere wenn die Charaktere im Laufe des Buches Wandlungen vollziehen und an ihren Schwächen arbeiten, was für ein guter Menschenbeobachter Jane Austen war. All ihre Figuren wirken realitätsnah, glaubhaft und bis ins kleinste Detail stimmig, egal, ob nun die nervige Mutter der Bennets oder der noch nervigere Mr. Collins, die ruhige Jane, die unangepasstere Elizabeth oder die eingebildete Lady Catherine dargestellt werden. Von diesen lebhaften, realistischen Charakteren und ihren spannenden, psychologisch hochwertig geschilderten Interaktionen lebt der gesamte Roman.
Zu den Extras der angegebenen Fischerausgabe kann ich leider nichts sagen, da ich eine englische Ausgabe vorliegen hatte.

Fazit

Jane Austens bekanntestes Werk zählt zu Recht zu den Klassikern der Weltliteratur und hat bis heute nichts von seiner enormen Bedeutung eingebüßt. Tiefgehende Charakterstudien, eine spannende Liebesgeschichte über die Überwindung von zu früh getroffenen Bewertungen anderer Menschen und die lustig zu lesende, ironische Darstellung der Heiratsgepflogenheiten zu Austens Lebzeiten bilden ein stimmiges, überzeugendes Gesamtergebnis, das ich wärmstens weiterempfehlen kann.

4 von 5 Punkten

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